Gemmologisches Nachschlagewerk

Das Edelstein-Lexikon

Von Achat bis Zirkonia – 174 Edelsteine mit Bildern, gemmologischen Daten und ausführlichen Hintergrundartikeln.

Brillant · Geschichte

Vom Spitzstein zum Brillanten

Der Brillantschliff ist nicht erfunden, sondern über sechshundert Jahre erarbeitet worden. Jede Zwischenstufe war ein Kompromiss zwischen dem, was man an Licht gewinnen wollte, und dem, was das Werkzeug hergab.

Entwicklung der SchliffformenSechs schematische Draufsichten nebeneinander: Spitzstein, Tafelstein, Mazarin-Schliff, Peruzzi-Schliff, Altschliff mit großer Kalette und zuletzt der runde Brillant.SpitzsteinTafelsteinMazarinPeruzziAltschliffBrillant
Sechs Stufen, schematisch von oben. Vom Spitzstein, der nur die natürliche Oktaederform poliert, über Tafel-, Mazarin- und Peruzzi-Schliff zum Altschliff mit großer Kalette und zuletzt zum runden Vollschliff.

14. Jahrhundert: der Spitzstein

Die ersten bearbeiteten Diamanten wurden nicht geschliffen, sondern poliert: Man glättete die acht natürlichen Flächen des Oktaeders und ließ die Form, wie sie war. Der Stein wirkte dunkel, weil fast alles Licht an den steilen Flächen vorbeilief. Dass Diamant nur von Diamant bearbeitet werden kann, machte jeden Fortschritt vom Zugang zu Rohmaterial abhängig.

15. bis 16. Jahrhundert: Tafelstein und Dickstein

Der nächste Schritt war, die obere Spitze des Oktaeders abzuschleifen. Das ergab eine große ebene Fläche — die Tafel — und einen Stein, durch den man hindurchsehen konnte. Erstmals wurde die Reinheit eines Diamanten beurteilbar, und erstmals wurde sie zum Verkaufsargument.

Um 1650: der Mazarin-Schliff

Dem französischen Kardinal Jules Mazarin wird der erste Schliff zugeschrieben, der bewusst auf Lichtrückgabe hin angelegt war: 34 Flächen, eine achteckige Grundform, Haupt- und Sternfacetten in erkennbarer Anordnung. Ob Mazarin ihn selbst entwickelte oder nur förderte, ist nicht gesichert — der Name hat sich dennoch gehalten.

Ende 17. Jahrhundert: der Peruzzi-Schliff

Der venezianische Schleifer Vincenzo Peruzzi erhöhte die Zahl der Facetten auf 33 im Oberteil und legte damit die Anordnung fest, die der heutige Brillant noch trägt. Was fehlte, war die runde Form: Die Steine blieben kissenförmig, weil das Rohmaterial so am besten ausgenutzt war.

Um 1750 bis 1900: der Altschliff

Mit dem Bruting — dem gegenseitigen Abschleifen zweier Diamanten auf der Drehbank — ließ sich der Umriss erstmals annähernd rund bearbeiten. Der Altschliff, im englischen Sprachraum Old European Cut, hat bereits 57 Facetten, unterscheidet sich vom Brillanten aber in drei Punkten: höhere Krone, kleinere Tafel und eine große, deutlich sichtbare Kalette. Bei Kerzenlicht — dem Licht, für das er geschliffen wurde — zeigt er ein größeres, ruhigeres Farbspiel als ein moderner Brillant.

Ein Altschliff ist kein schlecht geschliffener Brillant. Er ist eine eigene Schliffform mit eigener Bewertung. Wer einen Altschliff auf moderne Proportionen umschleifen lässt, verliert zwischen zehn und fünfzehn Prozent Gewicht und die historische Zuordnung des Steins. Bei Schmuck vor 1920 ist das fast immer ein Verlustgeschäft.

Um 1910: die runde Form setzt sich durch

Motorbetriebene Bruting-Maschinen und Schleifscheiben mit gleichmäßiger Drehzahl machten den exakt runden Umriss zur Regel. Die Zwischenform dieser Jahre heißt Transitional Cut: rund wie ein Brillant, aber noch mit höherer Krone und kleiner Tafel.

1919: Tolkowsky rechnet nach

Marcel Tolkowsky, Mathematiker aus einer Antwerpener Diamantschleiferfamilie, veröffentlichte in London Diamond Design. Er behandelte den Stein als optisches Bauteil und rechnete aus, bei welchen Winkeln das durch die Tafel einfallende Licht zweimal total reflektiert wird und mit größtmöglicher Farbzerlegung zurückkehrt: Tafel 53 %, Kronenwinkel 34,5°, Pavillonwinkel 40,75°, Gesamthöhe 59,3 %.

Seine Rechnung war zweidimensional und nahm eine Rundistenstärke von null an, die sich praktisch nicht herstellen lässt. Trotzdem liegt der Pavillonwinkel bis heute im besten Bereich der Schliffbewertung. Tolkowsky hat den Brillantschliff nicht erfunden — die Form war bereits in Gebrauch — aber er hat als Erster begründet, warum sie funktioniert.

1953 bis heute: Messen statt Schätzen

Die Scan. D. N.-Regeln der skandinavischen Gemmologenverbände von 1969 und die späteren Regeln des International Diamond Council schrieben erstmals zulässige Abweichungen fest. Mit der Einführung des GIA-Schliffsystems im Januar 2006 kam die dreidimensionale Modellrechnung dazu: Statt einzelner Maße wird seither das Zusammenspiel aller Proportionen bewertet.

ZeitFormFacettenKennzeichen
14. Jh.Spitzstein8 polierte Flächennatürliche Oktaederform, dunkel
15./16. Jh.Tafelsteinca. 9obere Spitze abgeschliffen, erstmals durchsichtig
um 1650Mazarin34achteckig, erste bewusste Lichtführung
Ende 17. Jh.Peruzzi33 im OberteilFacettenanordnung des heutigen Brillanten, kissenförmig
ab ca. 1750Altschliff57rund gebrutet, hohe Krone, große Kalette
um 1910Transitional57exakt rund, Krone noch hoch
ab 1919moderner Brillant57 oder 58gerechnete Proportionen nach Tolkowsky

Der rote Faden

Jede Stufe hat eine Fläche hinzugefügt und eine Annahme ersetzt: erst die Form des Rohsteins, dann die Erfahrung des Schleifers, zuletzt die Rechnung. Der Brillant ist das Ergebnis, nicht der Anfang.

Quellen: Wikipedia, Artikel Brillant und Brilliant (gemstone cut) · Marcel Tolkowsky, Diamond Design, London 1919 · GIA, The GIA Diamond Cut Grading System for Round Brilliant Cut Diamonds

Häufige Fragen

Wer hat den Brillantschliff erfunden?
Niemand allein. Die Facettenanordnung geht auf Vincenzo Peruzzi im späten 17. Jahrhundert zurück, die runde Form auf das Bruting ab etwa 1750, die heutigen Proportionen auf die Rechnung von Marcel Tolkowsky aus dem Jahr 1919.
Was unterscheidet Altschliff und Brillant?
Beide haben 57 Facetten. Der Altschliff hat eine höhere Krone, eine kleinere Tafel und eine große, sichtbare Kalette. Er ist eine eigene Schliffform und kein misslungener Brillant.
Lohnt es sich, einen Altschliff umschleifen zu lassen?
In aller Regel nicht. Es kostet zehn bis fünfzehn Prozent Gewicht und nimmt dem Stein die zeitliche Zuordnung, die bei altem Schmuck zum Wert gehört.
Seit wann gibt es eine offizielle Schliffnote?
Für den runden Brillanten vergibt GIA seit Januar 2006 eine eigene Note in fünf Stufen. Davor wurden nur einzelne Proportionswerte angegeben.