Wofür Selenit taugt – und wofür ausdrücklich nicht
IGS bewertet die Alltagstauglichkeit von Gips als schlecht und empfiehlt das Material ausdrücklich für die Vitrine einer Gem- oder Mineraliensammlung, nicht für Schmuck. Der Grund liegt in der Kombination aus Härte 2 und drei Spaltrichtungen. Ein Stein, den der eigene Fingernagel ritzt, überlebt keinen Ring und kein Armband; dort trifft er auf Türklinken, Tischkanten und Schlüssel. Hinzu kommt, dass das Material laut IGS recht porös sein kann, also Handfett, Kosmetika und Reinigungsmittel aufnimmt. Wenn Sie Selenit dennoch am Körper tragen möchten, wählen Sie Schmuckformen ohne Stoßbelastung: Ohrschmuck, Anhänger an kurzer Kette, Broschen. Rechnen Sie auch dort mit sichtbaren Gebrauchsspuren nach wenigen Wochen und behandeln Sie das Stück als Gelegenheitsschmuck. Für den täglichen Gebrauch bleibt Selenit ungeeignet, und das sollte beim Kauf offen gesagt werden.
Fassen ohne Druck und ohne Hitze
Beim Fassen gelten zwei Regeln, die sich unmittelbar aus den Materialdaten ergeben. Erstens kein Druck: Eine Krappenfassung, die den Stein punktuell belastet, drückt bei Härte 2 Eindrücke in die Oberfläche und kann entlang der vollkommenen Spaltfläche nach {010} einen Abriss auslösen. Sinnvoll ist eine Zargenfassung mit großflächiger, weicher Auflage oder eine geklebte Montage auf einer Platte. Zweitens keine Hitze: Ab etwa 110 Grad Celsius beginnt die Umwandlung zum Halbhydrat, und die deutschsprachige Darstellung zum Marienglas hält fest, dass sich das Material bei Hitze weiß färbt und zu Pulver zerfällt – deshalb taugte es nie für Ofensichtfenster. Löten, Schweißen und Abflammen am gefassten Stein scheiden damit aus; alle Metallarbeiten gehören vor die Steinmontage. Auch das Reinigen der fertigen Arbeit im Ultraschallbad ist laut IGS ausgeschlossen, weil weder Wärme noch Vibration vertragen werden.
Der eigentliche Markt: Objekt, Lampe, Skulptur
Wirtschaftlich findet Selenit nicht im Schmuck statt, sondern im Objektbereich. Der deutsche Handel bietet vor allem gesägte Stäbe, Platten, Türme und beleuchtete Lampenkörper aus marokkanischem Satinspat an, mit Preisen von wenigen Euro bis rund 100 Euro je Stück. Das nutzt die starke Lichtdurchlässigkeit des faserigen Materials aus. Daneben steht die lange Tradition des Alabasters: In Volterra und Castellina Marittima wird der toskanische Gipsalabaster seit den Etruskern verarbeitet, und 1792 gründete Marcello Inghirami Fei die erste fabrikmäßig organisierte Werkstatt mit 120 Beschäftigten, aus der die Volterraner Schule hervorging. Historisch kommt die Verwendung als Scheibenersatz hinzu: Plinius der Ältere beschreibt den lapis specularis, im Mittelalter schützte Marienglas Reliquien und Madonnenbilder. Wer ein Objekt kauft, sollte auf einen kühlen Leuchtmitteltyp achten – die Wärmegrenze des Materials gilt auch im Lampensockel.
