Drei Spaltrichtungen: die entscheidende Schwäche am Schleifbock
Selenit hat eine vollkommene Spaltbarkeit nach {010} und zwei weitere deutliche Spaltrichtungen nach {100} und {011}. IGS beschreibt sie als vollkommen und leicht in einer Richtung, deutlich in zwei weiteren, und zieht daraus den klaren Schluss, dass das Facettieren extrem anspruchsvoll ist und Selenit eine sehr unwahrscheinliche Wahl für Schmuck darstellt. Hinzu kommt die Härte 2: Jedes gebräuchliche Schleifmittel greift sofort, ein Verdrücken des Steins hinterlässt Riefen, und die Kante zwischen Facette und Rondiste bricht leicht aus. Das Material verhält sich dabei nicht spröde wie Quarz, sondern sektil: Es lässt sich schneiden und schälen, dünne Blättchen sind leicht biegsam, federn aber nicht zurück. Cabochons sind laut IGS möglich, werden aber ausdrücklich für die Vitrine empfohlen und nicht für den Gebrauch. Wer dennoch schleift, arbeitet mit sehr feiner Körnung, minimalem Anpressdruck und kurzen Arbeitsgängen.
Ohne Wasserkühlung, ohne Wärme: die Verfahrensgrenzen
Zwei physikalische Eigenschaften schränken das übliche Vorgehen der Werkstatt ein. Erstens die Löslichkeit: Gips geht mit rund 2,1 bis 2,6 Gramm je Liter in Wasser in Lösung. Die sonst selbstverständliche Wasserkühlung an Säge und Schleifscheibe löst also fortlaufend Material aus der Oberfläche und mattiert sie; wir raten deshalb zu trockener Bearbeitung oder zu einem nicht wässrigen Kühlmittel. Zweitens die Wärmeempfindlichkeit: Ab etwa 110 Grad Celsius wandelt sich Gips in das Halbhydrat Bassanit um, zwischen 130 und 160 Grad entsteht Stuckgips als Gemisch aus Halbhydrat und Anhydrit. steine-und-minerale.de nennt 163 Grad als Temperatur, oberhalb derer im offenen Reagenzglas Kristallwasser frei wird. Solche Temperaturen erreicht eine trockenlaufende Polierscheibe an der Kontaktfläche ohne Weiteres. Polieren Sie deshalb kurz, mit wenig Druck und mit häufigen Pausen, und kontrollieren Sie die Werkstücktemperatur mit der Hand.
Was sich wirklich lohnt: Platten, Katzenaugen und Schnitzarbeit
Sinnvoll sind Formen, die die Eigenschaften des Materials nutzen statt sie zu bekämpfen. Aus Satinspat lassen sich Cabochons mit deutlichem Katzenaugeneffekt schneiden, wenn die Fasern parallel zur Basis und quer zur Längsachse des Steins liegen. Klarer Selenit lässt sich entlang der vollkommenen Spaltfläche in dünne, planparallele Blättchen spalten; genau so entstand historisch das Marienglas für Fensterscheiben und Reliquiare. Alabaster ist laut IGS sehr leicht zu schnitzen und trägt das gesamte toskanische Kunsthandwerk. Für die Größenordnung nennt IGS: Aus massivem Gips lassen sich Cabochons und Schnitzarbeiten in nahezu jeder gewünschten Größe fertigen, faseriges Material liefert Stücke von mehreren Pfund. Die im Handel üblichen Stäbe, Platten, Türme und Lampenkörper sind letztlich nur gesägte und trocken geglättete Rohkristalle – eine Verarbeitung, die das Risiko klein und den Preis niedrig hält.
