Warum reiner Selenit farblos ist
Die Formel CaSO4 · 2 H2O enthält kein farbgebendes Übergangsmetall. Reiner Gips ist deshalb farblos bis weiß, die Strichfarbe ist in allen Varietäten weiß, und Pleochroismus fehlt nach Angabe von IGS vollständig. Jede Farbe an Selenit stammt von Fremdstoffen. Die englischsprachige Wikipedia nennt als Ursachen für braune, gelbe, rote und blaue Töne ausdrücklich Verunreinigungen, vor allem Eisenoxide und Tonminerale. Ein gut dokumentiertes Beispiel liefert das Salt Plains National Wildlife Refuge in Oklahoma: Dort färbt Eisenoxid aus dem Boden die Kristalle schokoladenbraun. Bei der Wüstenrose sind es eingeschlossene Sandkörner, die den sandfarbenen bis rotbraunen Eindruck erzeugen. Für Gips insgesamt listet steine-und-minerale.de farblos, weiß, rötlich, bräunlich, gelblich, grau, blau und schwarz, für Alabaster nennt die deutschsprachige Wikipedia farblos, weiß, gelb, rot und grau. Die Farbe sitzt also praktisch immer in Einschlüssen und nicht im Gitter.
| Varietät | Farbe | Bemerkung |
|---|---|---|
| Selenit, deutsch Marienglas | farblos, wasserklar | tafelige bis prismatische Kristalle, nach {010} in dünne Blättchen spaltbar; historisch als Fensterscheibe genutzt |
| Satinspat, Fasergips, Seidenspat | weiß, seidig schimmernd | feinfaserig, Katzenaugeneffekt; der Name wird auch für faserigen Calcit und Aragonit verwendet |
| Alabaster | farblos, weiß, gelb, rot, grau | feinkörnig-massiv, laut IGS sehr leicht zu schnitzen; Hauptmaterial der Toskana |
| Wüstenrose, Sandrose | sandfarben bis rotbraun | Rosetten mit eingeschlossenen Sandkörnern; die Gipsvariante ist wasserlöslich, die Barytvariante nicht |
| Selenit von Salt Plains, Oklahoma | schokoladenbraun | Farbe durch Eisenoxid aus dem Boden; innen häufig eine Sanduhrfigur aus eingeschlossenem Sand |
| Gefärbte Handelsware | blau, pink, grün, violett | Färben und Bleichen sind laut IGS häufige Behandlungen; keine Naturfarbe |
Fluoreszenz, Katzenauge und der Streit um den Fernsehstein
Selenit und Satinspat zeigen Fluoreszenz und Phosphoreszenz. IGS nennt ein breites Farbspektrum unter kurz- und langwelligem UV, am häufigsten bläulich, orangegelb, gelb, grünlich und bräunlich; im Röntgenlicht bleibt das Mineral inert. Bemerkenswert ist die häufig zonare Sanduhr-Fluoreszenz von Selenitkristallen, die im gewöhnlichen Licht sichtbar sein kann, aber nicht muss. Satinspat zeigt bei faserparallelem Schliff einen ausgeprägten Katzenaugeneffekt. Umstritten ist der sogenannte Fernsehstein-Effekt: Die englischsprachige Wikipedia schreibt poliertem Satinspat eine optische Täuschung auf bedruckten Flächen zu. Ein direkter Vergleich von Ulexit und Satinspat kommt zum gegenteiligen Ergebnis. Ulexit überträgt Text noch bei Blickwinkeln bis 30 Grad scharf, faseriger Gips verwischt das Bild bereits bei 10 Grad und wird bei 20 Grad unlesbar. Wer einen echten Fernsehstein sucht, braucht Ulexit, nicht Gips.
Gefärbte Ware erkennen
Färben ist die verbreitetste Behandlung. IGS führt Färben und Bleichen als häufig, Beschichten als vorkommend und gelegentliches Erhitzen zur Farbverbesserung oder als Vorbereitung des Färbens. Das teils poröse Material nimmt Farbstoffe und Beschichtungen sehr leicht an. Praktisch bedeutet das: kräftig blaue, pinkfarbene, grüne oder violette Selenitstäbe und -platten sind mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit gefärbt, denn belegt sind als natürliche Farben nur die oben genannten gedeckten Töne aus Eisenoxid, Ton und Sand. Seriöse Händler kennzeichnen Naturware entsprechend; ein deutscher Anbieter weist seine marokkanischen Rohsteine ausdrücklich als unbehandelt aus. Verlangen Sie diese Angabe schriftlich. Ein Prüfversuch mit einem angefeuchteten Tuch verbietet sich bei diesem Mineral, weil Wasser die Oberfläche selbst angreift. Beurteilen Sie stattdessen trocken bei Tageslicht, ob die Farbe in Rissen und entlang der Fasern ungleichmäßig konzentriert erscheint.
