Eindampfendes Meerwasser: Gips als Evaporitmineral
Gips entsteht in erster Linie durch Verdunstung. Die englischsprachige Wikipedia nennt als Bildungsorte alkalische Seeschlämme, Tonlagen, eingedampfte Meere, Salzpfannen, Salzquellen und Höhlen. Es ist das häufigste aller Sulfatminerale und kommt auf jedem Kontinent vor. Die deutschsprachige Wikipedia führte 2022 mehr als 7800 dokumentierte Fundorte. Die Vergesellschaftung ist entsprechend typisch für das Salzmilieu: Anhydrit, Halit, Calcit, Aragonit, Coelestin, Brucit, Pyrit und elementarer Schwefel. In den Oxidationszonen sulfidischer Erzlagerstätten tritt Selenit zusammen mit Zinkblende, Bleiglanz und Pyrit auf. Beim Alter gehen die Quellen auseinander: Der englische Selenit-Artikel setzt Gipslagen in nahezu jedes Erdzeitalter seit dem Silur, das vor 443,1 Millionen Jahren begann, der Gips-Artikel derselben Enzyklopädie spricht von Schichten seit dem Archaikum. Für die Praxis heißt das schlicht: Gips ist kein seltenes, sondern ein allgegenwärtiges Mineral.
Die Temperaturgrenze zwischen Gips und Anhydrit
Ob Calciumsulfat als wasserhaltiger Gips oder als wasserfreier Anhydrit auskristallisiert, entscheidet die Temperatur. Die deutschsprachige Wikipedia gibt die Grenze für reine wässrige Lösung mit 66 Grad Celsius an: darunter Gips, darüber Anhydrit. Die Darstellung zur Kristallhöhle von Naica nennt dagegen 56 Grad als Schwelle, unterhalb derer sich der dortige Gips aus dem Anhydrit-Vorläufer bildete, während die Höhlenluft bis heute rund 58 Grad erreicht. Die Spanne von 56 bis 66 Grad spiegelt unterschiedliche Salzgehalte und Versuchsbedingungen wider; eine einzige gültige Zahl gibt es nicht. Wichtig ist die Umkehrbarkeit: Gips ist auch ein Hydratationsprodukt des Anhydrits, und wo Anhydrit im Untergrund Wasser zieht, entsteht Gips neu. Die deutschsprachige Wikipedia führt den Gipskarst auf eben diese Hydratisierung während der pleistozänen Kaltzeiten zurück. Bei starker Entwässerung bildet sich umgekehrt wieder Anhydrit, und bei erneutem Wasserzutritt kann Gips abermals aufwachsen.
Naica, Sandrosen und die Frage nach der Typlokalität
Die Riesenkristalle von Naica zeigen den Bildungsweg im Zeitraffer, nur extrem verlangsamt. Die Höhle liegt 300 Meter unter Tage über einer Magmenkammer in drei bis fünf Kilometern Tiefe; die gemessene Wachstumsrate von (1,4 plus minus 0,2) mal zehn hoch minus fünf Nanometern je Sekunde gilt als die langsamste je direkt gemessene Kristallwachstumsrate. Das Alter der Kristalle wird über Uran-Thorium-Datierung auf maximal etwa 500.000 Jahre geschätzt. Ganz anders die Wüstenrose: Laut deutschsprachiger Wikipedia fördern Kapillarkräfte in ariden Gebieten salzhaltiges Grundwasser nach oben, das an der Oberfläche verdunstet; die auskristallisierenden Blätter schließen dabei Sandkörner ein. Eine Erstbeschreibung im modernen Sinn und eine Typlokalität gibt es für Gips nicht, da das Mineral lange vor der wissenschaftlichen Mineralogie bekannt war. Die Systematik führt es unter Strunz 7.CD.40, Dana 29.06.03.01 und seit 2021 mit dem IMA-Symbol Gp.
