Pegmatite, Greisen und alpine Zerrklüfte
Phenakit braucht zwei Zutaten, die selten zusammenkommen: eine deutliche Anreicherung von Beryllium und ein Milieu, in dem dieses Beryllium mit Kieselsäure reagieren kann. Beides findet sich im Spätstadium granitischer Magmen. Beryllium ist ein kleines, hochgeladenes Ion, das in die gängigen gesteinsbildenden Minerale schlecht hineinpasst und deshalb in der Restschmelze zurückbleibt. In Pegmatiten, den grobkörnigen Endgliedern dieser Entwicklung, kristallisiert es als Beryll oder eben als Phenakit aus. Ein zweites wichtiges Milieu ist der Greisen — eine durch fluorreiche Gase umgewandelte Randzone granitischer Intrusionen, in der Quarz, Glimmer, Topas und Berylliumminerale gemeinsam auftreten. Drittens findet sich Phenakit in alpinen Zerrklüften und in hydrothermalen Gängen, wo er bei vergleichsweise niedrigen Temperaturen aus zirkulierenden Lösungen wächst. Die Typlokalität im Ural verbindet mehrere dieser Bedingungen: Dort entstand Phenakit in berylliumreichen Zonen, wo granitische Lösungen auf Glimmerschiefer trafen — dieselbe Umgebung, die auch den uralischen Smaragd hervorgebracht hat.
Das Beryllium-Analogon des Willemits
Chemisch ist Phenakit ein Inselsilikat der Formel Be2SiO4. Isolierte SiO4-Tetraeder werden über Berylliumionen verknüpft, die selbst in tetraedrischer Koordination sitzen — eine für Silikate ungewöhnliche Konstellation, weil dort üblicherweise größere Kationen in Oktaederlücken sitzen. Das Ergebnis ist ein dicht gepacktes, sehr gleichmäßiges Gerüst aus lauter Tetraedern, das dem Mineral seine hohe Härte von 7,5 bis 8 und seine gute chemische Beständigkeit gibt. Strukturell ist Phenakit das Beryllium-Analogon des Zinksilikats Willemit; beide bilden die Phenakit-Willemit-Gruppe und kristallisieren trigonal in der Raumgruppe R-3. Weil das Gitter keine ausgeprägte Schwächeebene besitzt, ist die Spaltbarkeit nur deutlich bis unvollkommen nach {11-20} und undeutlich nach {10-11} ausgebildet — ein entscheidender Vorteil gegenüber Topas oder Euklas. Der Brechungsindex von 1,654 bis 1,670 und die Doppelbrechung von 0,016 sind ebenfalls eine Folge dieser dichten Packung und heben Phenakit deutlich vom Quarz ab.
Begleitminerale und die Beschreibung von 1833
In der Paragenese steht Phenakit fast immer neben anderen Berylliummineralen und den typischen Pegmatitmineralen. Als Begleiter treten Beryll, Chrysoberyll, Alexandrit, Topas, Apatit, Fluorit, Quarz, Feldspat, Muskovit, Phlogopit und Turmalin auf; in alpinen Klüften kommen Adular, Calcit und Chlorit hinzu. Genau dieses Nebeneinander mit Quarz erklärt die jahrzehntelange Verwechslung. Nils Gustaf Nordenskiöld beschrieb das Mineral 1833 anhand von Kristallen aus den Smaragdgruben Izumrudnye Kopi am Fluss Tokowaja bei Jekaterinburg im Mittleren Ural. Die Gruben waren 1830 entdeckt worden und lieferten neben Smaragd auch Alexandrit und Chrysoberyll — eine der bedeutendsten Edelsteinlagerstätten des russischen Kaiserreichs. Nordenskiöld erkannte, dass die dort als Bergkristall geführten farblosen Kristalle eine eigene, berylliumhaltige Art darstellen, und wählte den Namen Phenakit bewusst als Hinweis auf diesen Irrtum. Die Schreibweise Phenacit begegnet Ihnen in älterer und englischsprachiger Literatur gleichbedeutend.
