Ein Stein, der nicht in den Ring gehört
Die gemmologische Fachliteratur ist hier ungewöhnlich einmütig: Anglesit ist für Schmuck nicht geeignet. Mit einer Mohshärte von 2,5 bis 3 liegt er unterhalb von Hausstaub, der überwiegend Quarzpartikel der Härte 7 enthält — ein getragener Anglesit wird also allein durch Abwischen matt. Hinzu kommt die gute Spaltbarkeit nach zwei Richtungen, die den Stein gegen jeden Stoß empfindlich macht, und die Beobachtung, dass sich die Facettenkanten schon bei leichter Beanspruchung abrunden. Ein Ring mit Anglesit wäre nach wenigen Wochen Alltagsgebrauch optisch ruiniert; ein Armband ebenso. Das ist keine vorsichtige Empfehlung, sondern ein technischer Befund. Wer die Dispersion von 0,044 in einem Ring sehen möchte, greift zu Diamant, Zirkon, Sphen oder Demantoid — alle deutlich härter. Anglesit gehört in die Vitrine, nicht an die Hand, und genau dort entfaltet er seine Wirkung ungestört.
Wenn überhaupt: Fassung, Anlass und Tragedauer
Sollten Sie dennoch einen geschliffenen Anglesit fassen lassen wollen, gelten enge Regeln. Als Schmuckform kommt allein ein Anhänger oder eine Brosche in Betracht, also ein Stück, das keinem Abrieb ausgesetzt ist und nicht anstößt; Ringe, Armbänder und Armreifen scheiden aus. Als Fassung eignet sich eine geschlossene Zargen- oder Kastenfassung, die den Rundisten rundum schützt und die empfindlichen Kanten abdeckt. Krappenfassungen sind ungeeignet, weil der punktuelle Druck einer Krappe entlang der Spaltbarkeit zum Ausbruch führen kann. Der Goldschmied sollte den Stein erst nach allen Löt- und Wärmearbeiten einsetzen: Anglesit ist hitzeempfindlich, und das Bleisulfat zersetzt sich zwar erst bei rund 1.087 Grad, doch Spannungsrisse entstehen weit früher. Getragen werden sollte ein solches Stück ausschließlich zu ruhigen Anlässen und danach sofort wieder flach und geschützt gelagert.
Die Bleifrage sachlich betrachtet
Anglesit enthält rund 66 Prozent Blei, und Bleiverbindungen sind zu Recht reguliert: Bleisulfat trägt die Gefahrenhinweise H302, H332, H360Df und H410 und gilt als kumulatives Gift. Entscheidend für die Praxis ist jedoch die Form, in der das Blei vorliegt. Bleisulfat ist in Wasser praktisch unlöslich — bei 25 Grad lösen sich lediglich 0,00425 Gramm je 100 Milliliter, das Löslichkeitsprodukt beträgt 2,13 mal 10 hoch minus 8. Eine geschlossene, polierte Kristalloberfläche gibt unter normalen Bedingungen daher kein Blei an die Haut ab. Kritisch ist ausschließlich Staub, also Schleifen, Bohren, Sägen sowie der Abrieb, der beim Verkratzen entsteht. Für den Umgang bedeutet das: Stufe oder Stein in die Hand nehmen ist unproblematisch, danach Hände waschen ist vernünftig, Kinder sollten nicht unbeaufsichtigt damit spielen, und bearbeitet wird nur nass. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
