Vom Bleiglanz zum Bleisulfat: die Oxidationszone
Anglesit ist ein sekundäres Mineral. Es bildet sich dort, wo primärer Bleiglanz, Galenit mit der Formel PbS, mit sauerstoffhaltigem Sickerwasser in Kontakt kommt. Das geschieht im obersten Teil einer Erzlagerstätte, an oder nahe der Erdoberfläche, in der sogenannten Oxidationszone oder supergenen Zone. Der im Galenit sulfidisch gebundene Schwefel wird dabei zu Sulfat oxidiert, das Blei bleibt zweiwertig, und es entsteht Bleisulfat. Weil die Reaktion unmittelbar am Ausgangsmineral abläuft, sitzen Anglesitkristalle auf vielen Stufen direkt auf korrodiertem Bleiglanz, und zahlreiche Stücke tragen noch einen dunklen, unveränderten Galenitkern im Inneren. Auch vollständige Pseudomorphosen kommen vor: Der Anglesit übernimmt die äußere Form des Galenits oder des Cerussits und ersetzt nur die Substanz. Wo die Oxidation weiter fortschreitet und Kohlendioxid hinzukommt, geht Anglesit häufig in Cerussit über, das Bleicarbonat. Die beiden Minerale finden sich deshalb regelmäßig nebeneinander auf derselben Stufe.
Kristallchemie: Anglesit in der Baryt-Gruppe
Chemisch ist Anglesit ein wasserfreies Sulfat ohne Fremdanionen. Er kristallisiert orthorhombisch in der dipyramidalen Klasse 2/m 2/m 2/m, Raumgruppe Pnma, und gehört damit strukturell zur Baryt-Gruppe, zusammen mit Baryt, also Bariumsulfat, und Coelestin, dem Strontiumsulfat. In dieser Reihe nimmt Anglesit die Position mit dem schwersten Kation ein, was die außergewöhnliche Dichte von 6,3 bis 6,4 erklärt: Baryt liegt bei rund 4,5, Coelestin bei etwa 3,97. Die Kristalle sind meist tafelig oder dicktafelig ausgebildet, häufig mit spitzen Endflächen, daneben prismatisch, dipyramidal oder stark gestreift. Viktor von Lang beschrieb im 19. Jahrhundert nahezu 200 verschiedene Kristallformen des Minerals — ein Hinweis auf die außerordentliche Formenvielfalt. Neben gut ausgebildeten Kristallen tritt Anglesit auch als Krusten, knollige, nierige, stalaktitische, gebänderte oder körnige Massen auf. Diese derben Varianten sind matt statt diamantglänzend und für Sammler ohne Reiz.
Paragenese und die Erstbeschreibung von 1783
Die typische Vergesellschaftung führt zurück in die Blei-Zink-Lagerstätte. Als primäre Nachbarn treten Galenit, Sphalerit, Baryt und Quarz auf, als sekundäre Bildungen Cerussit, Gips, Limonit, Pyromorphit, Mimetesit und Wulfenit. In kupferführenden Lagerstätten kommen Linarit, Caledonit, Brochantit und Malachit hinzu, in bleireichen schottischen Vorkommen Leadhillit und Lanarkit. Die Erstbeschreibung führt an einen bekannten Ort: William Withering erkannte das Mineral 1783 an der Parys Mine auf der Insel Anglesey in Nordwales als eigenständige Spezies. Den Namen erhielt es allerdings erst knapp fünfzig Jahre später, 1832, durch den französischen Mineralogen François Sulpice Beudant, der es nach der Fundinsel benannte. In der Bergmannssprache liefen Bleisulfate lange unter Bezeichnungen wie Bleivitriol. Mit rund 66 Prozent Blei ist Anglesit ein durchaus gehaltvolles Erz und wurde dort, wo er in Masse auftrat, auch bergmännisch gewonnen — als Erz allerdings stets hinter Galenit zurückstehend.
