Parys Mountain auf Anglesey: die Typlokalität
Die Geschichte des Minerals beginnt im Nordwesten von Wales. Auf der Insel Anglesey liegt der Parys Mountain, ein Bergbaurevier, das im späten 18. Jahrhundert zu den größten Kupfergruben Europas zählte und daneben Blei führte. Dort erkannte William Withering 1783 in der Parys Mine ein bis dahin unbeschriebenes Bleimineral. Zum Komplex gehören neben der Parys Mine auch die Mona Mine und Morfa Du. Den Namen Anglesit erhielt die Spezies erst 1832 durch François Sulpice Beudant, der sie nach der Insel benannte. Für die heutige Versorgung des Marktes spielt die Typlokalität keine Rolle mehr; der Bergbau ist historisch, Stufen von dort sind Raritäten mit Sammlungsgeschichte und werden fast ausschließlich aus alten Sammlungsbeständen gehandelt. Wer ein authentisches Anglesey-Stück erwerben will, kauft in erster Linie Provenienz und Dokumentation, nicht ästhetische Qualität — die besten Kristalle der Spezies kommen längst von anderen Orten.
| Fundort | Land | Besonderheit |
|---|---|---|
| Parys Mountain, Insel Anglesey (Parys, Mona, Morfa Du) | Wales, Großbritannien | Typlokalität; 1783 von William Withering erkannt, 1832 von Beudant benannt |
| Touissit, Provinz Jerada, Region Oriental | Marokko | weltbeste strohgelbe bis goldgelbe Kristalle, stark gestreift; Hauptquelle des Handels |
| Mibladen, Hoher Atlas | Marokko | zweites marokkanisches Revier, vor allem für Vanadinit und Cerussit bekannt |
| Tsumeb Mine, Otavi-Bergland | Namibia | große weiße Kristallgruppen sowie farblose und gelbliche Kristalle in Schleifqualität |
| Broken Hill, New South Wales; Dundas, Tasmanien | Australien | klassische Pseudomorphosen von Anglesit nach Cerussit |
| Monteponi und Montevecchio bei Iglesias, Sardinien | Italien | historische Klassiker mit langer Sammlungstradition |
| Leadhills | Schottland, Großbritannien | Bleirevier mit reicher Sekundärparagenese, darunter Leadhillit und Lanarkit |
| Coeur d'Alene und Bunker Hill Mine, Idaho; Mammoth-Saint Anthony Mine, Arizona | USA | Bunker Hill gilt als eine der wenigen Quellen für facettierfähiges Material |
Touissit und Mibladen: Marokko liefert die besten Kristalle
Der wichtigste Lieferant für sammelwürdige Anglesite ist Marokko. Die Blei-Zink-Lagerstätte Touissit im Distrikt Touissit, Provinz Jerada beziehungsweise Oujda-Angad, Region Oriental, hat die weltweit besten gelben Kristalle geliefert: dicktafelige bis prismatische, stark gestreifte, strohgelbe bis goldgelbe Individuen von hoher Transparenz, die Zentimetergrößen deutlich überschreiten können. Ein großer Teil des heute gehandelten Materials stammt aus einem einmaligen Fund der späten 1970er- und 1980er-Jahre; frisches Material kommt nur noch sporadisch. Genau diese Verknappung treibt die Preise: Händler verlangen für gemmige Touissit-Miniaturen von drei bis vier Zentimetern regelmäßig 800 bis 1.400 US-Dollar. Das zweite marokkanische Revier ist Mibladen im Hohen Atlas, bekannt vor allem für Vanadinit und Cerussit, das aber ebenfalls Anglesit führt. Bei marokkanischer Ware aus dem 1980er-Fund ist die dokumentierte Bleichbehandlung zu beachten.
Tsumeb, Broken Hill und die klassischen europäischen Gruben
Die zweite große Adresse ist Tsumeb in Namibia. Die Grube lieferte weiße Kristallgruppen von beachtlicher Größe sowie große durchsichtige farblose und gelbliche Individuen — aus Tsumeb stammt auch jenes rund 300 Karat schwere Rohstück, das nach Angaben der International Gem Society beim Schleifversuch zerbrach. Erstklassige Tsumeb-Anglesite werden heute ab etwa 1.250 US-Dollar gehandelt, Spitzenstücke deutlich darüber. Broken Hill in New South Wales, Australien, ist vor allem für Anglesit-Pseudomorphosen nach Cerussit bekannt; ergänzend liefert Dundas auf Tasmanien Material. In Europa sind die sardischen Gruben Monteponi und Montevecchio bei Iglesias klassische Fundstellen mit langer Sammlungstradition, dazu Leadhills in Schottland. In den USA sind Coeur d'Alene und die Bunker Hill Mine in Idaho, die Mammoth-Saint Anthony Mine und Castle Dome in Arizona sowie die Blanchard Mine in New Mexico zu nennen, in Mexiko die Reviere Santa Eulalia und Los Lamentos in Chihuahua.
