Gemmologisches Nachschlagewerk

Das Edelstein-Lexikon

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Anglesit Lexikon · Farben & Varietäten

Anglesit – Farben & Varietäten

Anglesit

Warum reiner Anglesit farblos ist

Im idealen Fall ist Anglesit vollkommen farblos. Die Verbindung PbSO4 enthält kein Element, das im sichtbaren Bereich selektiv absorbiert: Blei liegt zweiwertig vor, Schwefel und Sauerstoff bilden die Sulfatgruppe, und keiner dieser Bausteine erzeugt für sich genommen Farbe. Der starke Eindruck, den ein guter Anglesit macht, stammt daher nicht aus der Farbe, sondern aus der Optik — aus dem Brechungsindex von rund 1,89, der Dispersion von 0,044 und dem daraus folgenden Diamantglanz. Ein farbloser Anglesit ist deshalb kein minderwertiger, sondern der chemisch reinste. Ein Pleochroismus ist nicht ausgebildet; die gemmologische Literatur gibt ihn ausdrücklich mit „keiner“ an, was bei einem zweiachsigen Mineral bemerkenswert ist und ebenfalls auf die Farblosigkeit der Grundsubstanz zurückgeht. Unter kurzwelligem Ultraviolett zeigen viele Stücke eine schwache hell- bis goldgelbe Fluoreszenz, unter langwelligem UV ist sie nach Angaben der International Gem Society schwächer und gelblich.

Varietät Farbe Bemerkung
Farbloser Anglesitwasserklar bis weißchemisch reinste Ausbildung; zeigt Diamantglanz und Dispersion am deutlichsten
Gelber Anglesit (Touissit-Typ)strohgelb bis goldgelbbegehrteste Stufenqualität, meist stark gestreifte Kristalle aus Marokko
Bräunlich oranger Anglesitorange bis bräunlichbei marokkanischer Ware der 1980er-Jahre auf Bleichbehandlung zu prüfen
Grauer bis schwärzlicher Anglesitgrau, dunkel getöntFarbe stammt von eingeschlossenen Resten des Ausgangsminerals Galenit
Grünlicher bis bläulicher Anglesitblassgrün, blassblauFarbursache im zugänglichen Schrifttum nicht gesichert belegt
Violetter Anglesitblass violettausgesprochene Rarität, nur vereinzelt beschrieben
Derber bzw. erdiger Anglesitweiß bis grau, mattkrustig, nierig oder körnig; kein Diamantglanz, sammlerisch ohne Bedeutung

Von Strohgelb bis Blau: das reale Farbspektrum

In der Natur ist der reine Fall die Ausnahme. Anglesit tritt farblos, weiß und grau auf, außerdem in strohgelben bis goldgelben, bräunlich orangen, grünlichen und bläulichen Tönen; violette Stücke sind ausgesprochen selten. Für einen Teil dieser Farben ist die Ursache klar: Graue bis schwärzliche Tönungen gehen auf eingeschlossene Reste des Ausgangsminerals Galenit zurück, sind also nicht Eigenfarbe, sondern Einschlussfarbe. Für die gelben, grünen und blauen Töne nennt die zugängliche Fachliteratur keinen gesicherten Farbmechanismus; sie sind wohl an Spurenelemente oder an submikroskopische Begleitphasen der jeweiligen Lagerstätte gebunden, eine belastbare Zuordnung zu einem einzelnen Element lässt sich seriös nicht angeben. Praktisch relevant ist die Fundortbindung: Die kräftig strohgelben bis goldgelben, stark gestreiften Kristalle stammen nahezu ausnahmslos aus Touissit in Marokko und gelten als weltbeste Ausbildung dieser Farbe.

Handelsnamen, Bleichung und was ein Etikett verspricht

Eigene Varietätsnamen hat Anglesit nicht, und im Gemmenhandel existieren keine eingeführten Handelsbezeichnungen. Im Bergbau und in älterer Literatur begegnen Ihnen die Umschreibungen Bleisulfat und Bleivitriol; gelegentlich wird gelbes Material schlicht als „goldener Anglesit“ angeboten, was eine Beschreibung ist, keine Varietät. Wichtig ist eine dokumentierte Behandlung: Nach Angaben der International Gem Society wurden Anfang der 1980er-Jahre Stücke aus Touissit einer Bleichbehandlung unterzogen, die eine bernsteinrote Oberflächenfärbung erzeugte; ein Bad in Bromwasser-Lösung kehrt diesen Effekt wieder um. Kräftig orange bis rötliche marokkanische Ware aus jener Zeit sollten Sie deshalb kritisch prüfen und den Händler ausdrücklich nach der Herkunft der Farbe fragen. Abgesehen davon gilt Anglesit im Handel als unbehandelt. Ein seriöses Etikett nennt Fundort, Größe, Fundjahr wenn bekannt — und schweigt nicht zur Behandlung.

Häufige Fragen

Ist gelber Anglesit wertvoller als farbloser?
Bei Stufen ja: Kräftig strohgelbe bis goldgelbe Touissit-Kristalle sind die begehrteste Ausbildung und erzielen die höchsten Preise. Bei geschliffenen Steinen ist der Zusammenhang schwächer; hier zählen Größe, Reinheit und die Qualität der Politur mehr als der Farbton. Preise liegen bei beiden Farben in derselben Größenordnung.
Fluoresziert Anglesit?
Häufig, aber schwach. Unter kurzwelligem UV zeigen viele Stücke ein helles bis goldgelbes Leuchten, unter langwelligem UV eine schwächere gelbliche Reaktion. Als alleiniges Bestimmungsmerkmal taugt die Fluoreszenz nicht, weil sie nicht bei jedem Stück auftritt. Als Zusatzbefund neben der Dichte ist sie nützlich.
Was bedeutet es, wenn ein Anglesit bernsteinrot ist?
Das kann auf die dokumentierte Bleichbehandlung marokkanischer Ware aus den frühen 1980er-Jahren hindeuten, die genau diese Oberflächenfarbe erzeugte. Die Färbung sitzt oberflächlich und ist durch ein Bad in Bromwasser rückgängig zu machen. Lassen Sie sich die Farbe vor dem Kauf erklären und dokumentieren.