Eine der schwierigsten Facettenaufgaben überhaupt
Anglesit gilt unter Facettierern als Prüfstein. Drei Eigenschaften arbeiten gegen den Schleifer. Erstens die Härte von 2,5 bis 3: Das Material trägt so schnell ab, dass jede Unachtsamkeit an der Scheibe eine Facette überschleift. Zweitens die Spaltbarkeit, gut nach der Basisfläche (001) und deutlich nach (210) — ein zu hoher Anpressdruck oder ein Temperatursprung kann den Stein entlang dieser Flächen aufreißen. Drittens die Sprödigkeit: Anglesit ist nicht zäh, er gibt plötzlich nach. Wie real das Risiko ist, zeigt ein oft zitierter Fall: Ein rund 300 Karat schweres Rohstück aus Tsumeb zerbrach nach Angaben der International Gem Society beim Schleifen. Hinzu kommt, dass die Facettenkanten des fertigen Steins sich schon bei normaler Handhabung abrunden, das Material hält Facetten also schlecht. Wer einen sauber polierten Anglesit sieht, sieht eine handwerkliche Leistung, nicht bloß einen Stein.
Schliffformen, Ausbeute und Orientierung zur Spaltbarkeit
Weil das Material teuer und heikel ist, dominieren einfache, flächenarme Schliffe. Die im Handel dokumentierten Steine sind klassische Facettenschliffe in Rechteck-, Schild- oder Ovalform — ein 3,07-Karäter aus Marokko etwa als Schildschliff mit 7,38 mal 7,32 Millimetern. Runde Brillantschliffe mit vielen kleinen Facetten sind unüblich, weil jede zusätzliche Facette ein zusätzliches Risiko bedeutet. Die Orientierung des Rohlings richtet sich nach der Spaltbarkeit: Die Tafel sollte nicht parallel zur Basisspaltfläche liegen, damit der Stein beim Fassen und bei späterer Belastung nicht entlang der Tafel aufblättert. Die Ausbeute ist gering, weil marokkanische Kristalle stark gestreift und häufig von Galenitresten durchsetzt sind. Praktisch bleiben aus einem gut zentimetergroßen Kristall oft nur ein bis wenige Karat sauberes Material. Die üblichen geschliffenen Anglesite liegen entsprechend bei ein bis sechs Karat.
Nass arbeiten, Staub vermeiden: Arbeitsschutz am Schleifrad
Anglesit ist Bleisulfat, und beim Schleifen entsteht feiner Staub. Das ist der einzige Punkt der ganzen Bearbeitung, an dem eine echte gesundheitliche Frage berührt wird — und er ist mit einfachen Mitteln beherrschbar. Die Fachliteratur empfiehlt übereinstimmend: nicht trocken schleifen, sondern durchgehend mit Wasser oder Kühlmittel arbeiten, den Staub nicht einatmen, Schleifschlamm nicht eintrocknen lassen und nach der Arbeit die Hände gründlich waschen. Essen und Trinken gehören nicht an den Arbeitsplatz. Die International Gem Society weist ausdrücklich darauf hin, dass Anglesit sehr leicht verkratzt und dabei kleine Partikel freisetzt, die weder verschluckt noch eingeatmet werden sollen. Wer ohnehin nass arbeitet und auf Handhygiene achtet, hat das Wesentliche getan; Panik ist unangebracht. Beim Polieren ist zusätzlich auf geringe Drehzahl und niedrigen Anpressdruck zu achten, weil Reibungswärme und Druck die beiden wichtigsten Bruchauslöser sind.
