Gemmologisches Nachschlagewerk

Das Edelstein-Lexikon

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Andesin Lexikon · Farben & Varietäten

Andesin – Farben & Varietäten

Andesin

Warum natürlicher Andesin meist blass ist

Die Bestandteile des Plagioklasgitters – Natrium, Calcium, Aluminium, Silicium, Sauerstoff – färben nicht. Reiner Andesin ist deshalb farblos. minerals.net führt als Farben farblos, weiß, creme, gelb, blassgrün und grau auf, Wikipedia zusätzlich fleischrot, steine-und-minerale.de weiß, grau, gelb, rötlich bis grün. Alles, was darüber hinausgeht, braucht ein Fremdelement oder Einschlüsse. Der Handel arbeitet genau an dieser Stelle: Blassgelbes Material ist reichlich vorhanden und billig, kräftig rotes wäre teuer – wenn es denn natürlich wäre. Die skyjems-Enzyklopädie nennt für Norwegen (Tvedestrand) rötliches Feldspat, dessen Farbe auf Hämatit- und Goethitplättchen zurückgeht, also auf Eisenoxide statt Kupfer. Dieses Beispiel zeigt den Unterschied: Eine rötliche Tönung durch Einschlüsse ist etwas anderes als eine durchgefärbte, kupferbedingte Körperfarbe. Für die Beurteilung im Handel ist die Unterscheidung wesentlich, weil nur Letztere in den Preisbereich vorstößt, um den die Auseinandersetzung geführt wurde.

Varietät Farbe Bemerkung
Blassgelber Andesin (Guyang, Innere Mongolei)farblos bis blassgelbLaut Hughes seit 1991 in chinesischer Fachliteratur beschrieben; diente als Ausgangsmaterial der Behandlung
Roter Andesin / „red andesine“orangerot bis tiefrotRossman 2011: großer Teil der Marktware ist kupferdiffundiertes Material aus der Inneren Mongolei
„Tibetanit“rot bis orangerotHandelsname nach steine-und-minerale.de; die Herkunftsangabe Tibet ist bis heute umstritten
Andesin-Labradoritrot, grün, gelblich, hellrosaHandelsbegriff von GemSelect und gempiece für Material an der Grenze der beiden Reihenglieder
Farbwechselmaterialgrün bis blaugrün im Tageslicht, rot bis violett im KunstlichtVon gempiece als seltenste Form beschrieben; Gemval listet 13,35 bis 15,32 US-Dollar je Karat
Oregon Sunstone (zum Vergleich)farblos, gelb, rot, grün, zweifarbigKein Andesin, sondern Labradorit um An70 mit gediegenen Kupferplättchen (GIA 2013)
Belomoritweißlich mit bläulichem SchimmerVon steine-und-minerale.de als Varietät genannt; der Name wird im Handel auch für andere Feldspäte benutzt

Kupfer als Farbträger: Plättchen, Ionen und Dimere

Beim Sonnenstein aus Oregon liegt Kupfer gediegen vor. GIA beschrieb 2013 winzige, reflektierende Plättchen aus metallischem Kupfer, die den Schillereffekt erzeugen. Johnston, Gunter und Knowles hatten bereits 1991 für die Ponderosa-Mine festgestellt, dass die aventurisierenden Einschlüsse aus reinem gediegenem Kupfer bestehen, die Mikrosondenanalysen aber keinen offensichtlichen Mechanismus für die Körperfarben lieferten; sie erwogen Intervalenz-Ladungstransfer, möglicherweise unter Beteiligung kolloidalen Kupfers. Bei der Diffusionsbehandlung wird Kupfer dagegen gezielt ins Gitter gebracht. Zhou, Wang und Shen zeigten 2022 in Gems & Gemology, dass kupferdiffundierte Proben unter Anregung bei 320 Nanometern eine starke Emission nahe 394 Nanometern zeigen, die sie Cu+-Ionen zuordnen, sowie eine schwächere Bande um 554 Nanometer, die sie Cu+-Cu+-Dimeren zuschreiben. Der Kupfergehalt stieg in ihren Labradoritproben durch die Behandlung von 0,1 bis 18,6 ppmw auf 217,7 bis 1086,0 ppmw.

Handelsnamen, die mehr versprechen als sie halten

Rund um den Andesin hat sich eine eigene Namenswelt gebildet. steine-und-minerale.de nennt „Tibetanit“ als Handelsnamen für Schmuckmaterial. GemSelect und gempiece verwenden „Andesin-Labradorit“ für Material an der Grenze beider Reihenglieder. Die skyjems-Enzyklopädie führt „red andesine“, „andesine sunstone“ und „Congo sunstone“ auf und weist darauf hin, dass „Andesin-Sonnenstein“ eine Zusammensetzungsangabe mit einem optischen Effekt vermischt. Hinzu kam die Vermarktung als seltener Himalaya-Stein, die der Oregon-Händler Ravenstein rückblickend als Ursache dafür beschreibt, dass der Andesinmarkt über Nacht zusammenbrach und den Verkauf echten Oregon-Sonnensteins mit nach unten zog. Hinzu kommt eine Namensgruppe, die nur Herkunft behauptet: „Tibetan Sunstone“ etwa, unter dem im Oktober 2005 der erste rote Andesin bei GIA eingereicht wurde. Die International Gem Society verweist außerdem darauf, dass die Zuordnung eines Feldspats zu einem Reihenglied optische und röntgenographische Untersuchungen verlangt – der Handelsname allein sagt über die tatsächliche Zusammensetzung wenig. Prüfen Sie bei jedem dieser Namen drei Dinge: Welche Zusammensetzung ist gemeint, welche Herkunft wird behauptet, und welche Behandlung ist offengelegt? Nur die dritte Frage lässt sich vertraglich absichern; die ersten beiden bleiben ohne Laborbericht Angaben des Verkäufers.

Häufige Fragen

Woher kommt das Rot im behandelten Andesin?
Aus eindiffundiertem Kupfer. Zhou, Wang und Shen beschrieben 2022 ein Verfahren, bei dem das Material in einem Gemisch aus Kupferoxid und Zirconiumdioxid bei 1170 Grad Celsius 72 Stunden lang gehalten wird. Der Kupfergehalt stieg dabei um mehrere Größenordnungen. Rossman berichtete 2011 zusätzlich von kupferhaltigen Flussmittelresten auf Rohsteinen.
Gibt es natürlich rotes Plagioklas?
Ja, aber nicht als Andesin im engeren Sinn. Der Sonnenstein aus Oregon ist mit etwa An70 ein Labradorit und enthält natürliches, gediegenes Kupfer; GIA nennt eine Analyse mit An67,2/Ab31,5/Or1,3. Für Tibet fanden Abduriyim und Mitarbeiter 2011 starke Feldhinweise auf eine echte Lagerstätte bei Zha Lin, konnten die Echtheit der Fundstelle Yu Lin Gu aber nicht bestätigen.
Was bedeutet Farbwechsel bei Andesin?
gempiece beschreibt als seltenste Variante Material, das im Tageslicht grün bis blaugrün und im Kunstlicht rot bis violett erscheint. Gemval führt einen solchen Farbwechsel von Orange zu Grün mit 13,35 bis 15,32 US-Dollar je Karat, also deutlich unter mittlerem Rot. Auch hier gilt: Ohne Behandlungsaussage ist der Effekt kein Qualitätsnachweis.