Gemmologisches Nachschlagewerk

Das Edelstein-Lexikon

Von Achat bis Zirkonia – 174 Edelsteine mit Bildern, gemmologischen Daten und ausführlichen Hintergrundartikeln.

Andesin Lexikon · Entstehung & Mineralogie

Andesin – Entstehung & Mineralogie

Andesin

Gekoppelter Ionenaustausch statt fester Formel

Die Plagioklase bilden nach Wikipedia eine kontinuierliche Mischkristallreihe, in der Natrium und Calcium einander im Gitter vertreten. Weil Natrium einfach, Calcium aber zweifach positiv geladen ist, muss der Ladungsausgleich über das Gerüst erfolgen: Mit jedem Calcium, das ein Natrium ersetzt, tritt ein Aluminium an die Stelle eines Siliciums. Aus NaAlSi3O8 wird so schrittweise CaAl2Si2O8. Andesin ist der Abschnitt zwischen 30 und 50 Molprozent Anorthit; Wikipedia schreibt die Zusammensetzung als Na0,5–0,7Ca0,3–0,5Al1,3–1,5Si2,5–2,7O8. Das Kristallsystem ist triklin, und praktisch jeder Plagioklas ist verzwillingt: Wikipedia nennt polysynthetische Verzwillingung mit Streifung auf {010} sowie Karlsbader, Baveno- und Manebach-Zwillinge. Diese Lamellen sind für die Bestimmung im Dünnschliff der eigentliche Schlüssel. Richard Hughes weist in seiner Diskussion der Andesin-Frage darauf hin, dass ein Einbau von Kupfer im Gitter zugleich Calciumabfuhr und einen Austausch an den Silicium- und Aluminiumplätzen verlangt – Vorgänge, die in der Natur über geologische Zeiträume ablaufen.

Andesite, Diorite und die Gesteine, in denen er steckt

Andesin ist ein Mineral der intermediären Magmatite. Wikipedia nennt als Wirtsgesteine Diorit, Syenit und Andesit sowie metamorphe Gesteine; als Begleiter werden Quarz, Kalifeldspat, Biotit, Hornblende und Magnetit aufgeführt. minerals.net ergänzt Basalt und Muskovit. steine-und-minerale.de beschreibt die Bildung aus der Kristallisation magmatischer Schmelzen und unter erhöhten Temperatur- und Druckbedingungen in metamorphen Gesteinen und führt als Begleitminerale Apatit, Augit, Biotit, Diopsid, Grossular, Ilmenit, Quarz und Vesuvian an. In Sedimenten tritt er als detritisches Korn auf – genau das ist der Zustand, in dem das tibetische Material gefunden wurde: Abduriyim und Mitarbeiter beschrieben 2011 Schwemmfächer und Bachkiese, die aus Schiefern und tonreichen Sandsteinen verwittert waren. Auf den chinesischen geologischen Karten gelten diese Gesteine als tertiär, ein beteiligter Forscher hielt sie für obertriassisch. Ein primäres, andesinführendes Wirtsgestein fanden die Autoren an keiner der untersuchten Stellen, und die zu erwartenden basaltischen Wirtsgesteine sind auf den regionalen Karten nicht verzeichnet. Für den Vergleich lohnt der Blick nach Oregon: Dort sitzt der kupferhaltige Feldspat nach GIA als Einsprengling in porphyrischen Strömen der Steens-Basalte, deren Ausbrüche über die Argon-Argon-Methode auf 15,51 bis 16,59 Millionen Jahre datiert sind. Ein solches Wirtsgestein ist der Normalfall – sein Fehlen in Tibet ist der Grund, warum die Frage bis heute offen ist.

1841, Abich und der Name aus den Anden

Die Erstbeschreibung datiert auf 1841. steine-und-minerale.de nennt Hermann von Abich als Namensgeber und gibt „Pseudoalbit“ als ursprüngliche Bezeichnung an. Wikipedia bestätigt das Jahr und erklärt den Namen mit dem häufigen Vorkommen des Feldspats in den Andesitlaven der Anden. Als Typlokalität führt Wikipedia die Marmato-Mine in Marmato, Kolumbien, an – wobei die dortige Verwaltungsangabe in sich widersprüchlich ist und minerals.net den Marmato-Distrikt sogar in Bolivien verortet. Sie sollten die Typlokalität daher als „Marmato, Kolumbien“ lesen und die Departementsangabe als unsicher behandeln. Praktische Bedeutung hat sie ohnehin kaum: Andesin ist als gesteinsbildendes Mineral weltweit verbreitet, die Typlokalität liefert kein Schmuckmaterial. minerals.net nennt als weitere Fundpunkte unter anderem die San Gabriel Mountains und den Crestmore Quarry in Kalifornien, Goodall Farm in Maine und Mont Saint-Hilaire in Québec.

Häufige Fragen

In welchen Gesteinen entsteht Andesin?
Vor allem in intermediären Magmatiten wie Andesit, Diorit und Syenit, daneben in metamorphen Gesteinen. Wikipedia nennt als typische Begleiter Quarz, Kalifeldspat, Biotit, Hornblende und Magnetit. In Sedimenten kommt er als abgerolltes Korn vor. Der kupferhaltige Sonnenstein aus Oregon sitzt dagegen als Einsprengling in porphyrischen Basaltströmen der Steens-Basalte, die nach GIA vor rund 15 bis 17 Millionen Jahren im Miozän ausflossen.
Warum ändert sich die Formel innerhalb der Reihe?
Weil Natrium und Calcium unterschiedlich geladen sind. Der Ersatz eines Natriums durch ein Calcium wird durch den gleichzeitigen Ersatz eines Siliciums durch ein Aluminium ausgeglichen. Dieser gekoppelte Austausch läuft kontinuierlich ab, weshalb es keine Lücke zwischen den Reihengliedern gibt und die Kennzahlen mitwandern.
Wurde in Tibet ein primäres Wirtsgestein gefunden?
Nein. Abduriyim und Mitarbeiter hielten 2011 fest, dass in keinem der untersuchten Gebiete primäre, andesinführende Gesteine gefunden wurden und die erwarteten basaltischen Wirtsgesteine auf den regionalen geologischen Karten nicht verzeichnet sind. Das Material lag in Schwemmfächern und Bachkiesen. Diese Lücke ist einer der Gründe, warum die Echtheitsfrage bis heute nicht abschließend geklärt ist.