Ein Kind der Verwitterungszone
Variscit entsteht nicht in der Tiefe, sondern dicht unter der Erdoberfläche. Notwendig sind zwei Zutaten: phosphathaltige Wässer und aluminiumreiches Gestein. Die Phosphatlösungen stammen meist aus dem Zerfall organischer Ablagerungen, aus Guano oder aus phosphatführenden Sedimenten; das Aluminium liefern Tonminerale, Feldspäte oder Tonschiefer. Wo beide zusammentreffen, fällt Variscit als sekundäres Mineral aus. Er füllt Klüfte und Hohlräume, überzieht Kluftflächen als Kruste oder bildet Knollen im Nebengestein. Große, freistehende Kristalle sind extrem selten; das Mineral tritt fast immer kryptokristallin auf, also aus mikroskopisch kleinen Kristallen aufgebaut, was ihm sein wachsartiges, fast porzellanartiges Erscheinungsbild gibt. Dieses Milieu erklärt auch die Wasserempfindlichkeit: Die zwei Kristallwassermoleküle in der Formel AlPO4 · 2 H2O sitzen nur locker im Gitter, und Hitze treibt sie aus. Für Sie bedeutet das: Variscit ist ein oberflächennahes Mineral, das in Lagerstätten meist nur wenige Meter tief ansteht.
Wardit, Crandallit und die zonierten Knollen von Clay Canyon
Variscit tritt nie allein auf, sondern in einer ganzen Familie von Aluminiumphosphaten. Am eindrucksvollsten zeigt das der Clay Canyon bei Fairfield in Utah. Dort bildeten sich Knollen mit einem Kern aus tiefgrünem Variscit, der von konzentrischen Schalen umgeben ist: grau bis grünlichgrauer, durchscheinender Wardit, ein Natrium-Aluminium-Phosphat, und gelblich bis bräunlicher Crandallit, ein Calcium-Aluminium-Phosphat. Daneben tritt Millisit auf. Die Schalen entstanden, als sich die chemische Zusammensetzung der zirkulierenden Lösungen im Lauf der Zeit änderte und Natrium beziehungsweise Calcium in das System eintraten. Der Clay Canyon ist zugleich die Typlokalität des Wardits. Für Schleifer sind diese Knollen zugleich Reiz und Problem: Die Schalen haben unterschiedliche Härten und schleifen sich verschieden schnell ab. Sammler dagegen schätzen gerade die aufgesägte, zonierte Scheibe. Wer eine solche Knolle kauft, sollte deshalb prüfen, ob die Schalen fest verwachsen sind und keine offenen Fugen zeigen.
Verwandte Minerale und die Grenzen der Spezies
Variscit steht in einer Mischkristallreihe mit Strengit, dem Eisenanalogon FePO4 · 2 H2O. Je mehr Eisen das Gitter aufnimmt, desto stärker verschiebt sich die Farbe ins Rötliche oder Violette; solche eisenreichen Varietäten sind selten und als Schmuckstein ohne Bedeutung. Daneben existiert Metavariscit, dieselbe chemische Formel in monokliner Symmetrie, also ein Dimorph. Er lässt sich mit bloßem Auge nicht von Variscit unterscheiden und ist rein mineralogisch interessant. Die Erstbeschreibung des Variscits selbst geht auf August Breithaupt zurück, der 1835 eine kurze Mitteilung und 1837 die ausführliche Beschreibung veröffentlichte. Als Typlokalität gilt Meßbach bei Plauen im Vogtland, wo Variscit in Kieselschiefern auftritt. Der Name leitet sich von „Variscia“ ab, dem lateinischen Namen der Landschaft. Für den Handel spielt die deutsche Typlokalität keine Rolle.
