Gemmologisches Nachschlagewerk

Das Edelstein-Lexikon

Von Achat bis Zirkonia – 174 Edelsteine mit Bildern, gemmologischen Daten und ausführlichen Hintergrundartikeln.

Spektrolith Lexikon · Farben & Varietäten

Spektrolith – Farben & Varietäten

Spektrolith

Die Bøggild-Entmischung als Ursache des Farbspiels

Der Farbeindruck des Spektroliths entsteht ohne jedes Farbmittel. Weder Eisen noch Titan oder Kupfer sind beteiligt, und die Grundfarbe des Steins bleibt Schwarz bis Dunkelgrau. Verantwortlich ist allein die innere Schichtung. Im Zuge der Bøggild-Entmischung hat sich der Kristall in ein Paket abwechselnd natrium- und calciumreicherer Lamellen zerlegt, die alle in dieselbe Richtung zeigen und sich über den gesamten Kristall hinweg regelmäßig wiederholen. Da sich beide Phasen im Brechungsindex geringfügig unterscheiden, wird an jeder Grenzfläche ein kleiner Teil des einfallenden Lichts zurückgeworfen. Die vielen zurückgeworfenen Wellenzüge überlagern sich. Wo ihre Wegunterschiede ein ganzzahliges Vielfaches einer Wellenlänge ergeben, verstärken sie sich, sonst löschen sie sich aus. Aus weißem Licht wird so eine schmale Spektralfarbe. Der Effekt ist Interferenz an einem natürlichen Vielschichtspiegel, physikalisch dasselbe Prinzip wie beim Ölfilm oder bei einer Entspiegelungsschicht.

Varietät Farbe Bemerkung
Spektrolith, blaue StandardwareBlau bis Blaugrün auf schwarzem GrundLamellenperiode um 160 Nanometer; häufigste Qualität, preislich nahe an gutem Labradorit
Gem SpectroliteBlau, Grün, Gold und Orange auf einer FlächeHandelsbegriff ohne Norm; verlangt starke Schwankung der Lamellendicke im selben Kristall
Rot- und PurpurwareKupferrot, Orange, Purpur, ViolettLamellenperiode 300 bis 350 Nanometer; seltenster und teuerster Farbbereich
Arctic Blue, Finlandia Blue, Ballado Bluekühles Blau, gleichmäßiger SchillerWerksteinnamen für Ylämaa-Blöcke; beschreiben Platten, nicht Schmuckstein
Karelian Ice Black (Jaala)dunkelgrau bis schwarz mit blauem Schiller und bronzebraunem Hyperstheneigenes Vorkommen bei Kouvola, 1643 Millionen Jahre; zweiter Effekt durch Pyroxen
Labradorit MadagaskarBlau, Blaugrün, seltener Goldhellerer, oft durchscheinender Grundkörper; kein Spektrolith, obwohl häufig so angeboten
Labradorit Labrador und Volga BlueBlaugrün bis StahlblauTyplokalität Paul's Island beziehungsweise ukrainische Werksteinware; enger Farbumfang

Lamellendicke bestimmt die Farbe

Welche Farbe erscheint, hängt unmittelbar von der Dicke der Lamellen ab, und dieser Zusammenhang ist messbar. In blau schillernden Bereichen beträgt die Lamellenperiode rund 160 Nanometer, wobei natrium- und calciumreiche Lage etwa gleich dick sind, je ungefähr 80 Nanometer. In rot schillernden Bereichen wächst die Periode auf 300 bis 350 Nanometer, wobei die calciumreiche Lage mit etwa 200 Nanometern doppelt so dick wird wie die natriumreiche. Dazwischen liegen Grün, Gelb und Orange. Wirksam ist insgesamt ein Lamellenabstand zwischen etwa 128 und 252 Nanometern; unterhalb und oberhalb dieses Bereichs fällt der Effekt ins Ultraviolette oder Infrarote und bleibt für das Auge unsichtbar. Weil die Lamellendicke innerhalb eines Kristalls schwanken kann, sehen Sie auf einer einzigen polierten Fläche mehrere Farbfelder nebeneinander. Genau diese Schwankungsbreite unterscheidet Ylämaa-Material von einfarbig blauem Labradorit.

Handelsnamen und die Abgrenzung zum Labradorit

Im Werksteinhandel laufen Ylämaa-Produkte unter Bezeichnungen wie Labrador, Spectrolite, Gem Spectrolite, Noble Spectrolite, Arctic Blue, Finlandia Blue und Ballado Blue; das Material aus Jaala heißt Karelian Ice Black oder Ice Black. Im Schmucksteinhandel haben sich andere Begriffe eingebürgert, die keine amtliche Bedeutung haben: Als Gem Spectrolite gilt Ware mit mehreren Spektralfarben auf einer Fläche, als Royal oder Purple Spectrolite solche mit Violettanteil. Abzugrenzen ist all das von gewöhnlichem Labradorit. Madagassisches Material ist häufig heller, kantendurchscheinend und schillert überwiegend blau bis blaugrün; kanadische Ware aus Labrador zeigt klassisches Blaugrün, selten das volle Spektrum. Ukrainischer Labradorit erscheint im Werksteinhandel als Volga Blue. Rechtlich schützt kein Markenrecht den Begriff Spektrolith weltweit, durchgesetzt hat sich aber die Regel, ihn nur für finnisches Material zu verwenden.

Häufige Fragen

Welche Farbe ist beim Spektrolith am seltensten?
Rot, Orange und Violett. Diese Farben setzen die dicksten Lamellenpakete voraus, mit Perioden von 300 Nanometern und mehr, und solche Bereiche bilden nur einen kleinen Anteil des Materials. Blau und Grün sind dagegen in jeder Lieferung vertreten. Ein Stein, der Rot und Violett zusammen mit Blau und Gold auf derselben Fläche zeigt, gehört deshalb zur obersten Preisklasse.
Verblasst die Labradoreszenz mit der Zeit?
Nein. Der Effekt beruht auf der inneren Struktur des Kristalls, nicht auf einem Farbstoff oder einem Farbzentrum. Er ist lichtstabil und verändert sich auch über Jahrzehnte nicht. Was nachlässt, ist die Politur: Eine zerkratzte oder matt gewordene Oberfläche streut das Licht diffus und lässt den Schiller stumpf erscheinen. Nachpolieren stellt den ursprünglichen Eindruck vollständig wieder her.
Warum sieht der Stein aus manchen Blickwinkeln einfach schwarz aus?
Weil die Interferenz nur in einem engen Winkelbereich wirkt. Die Lamellen liegen alle parallel in einer Ebene; Licht wird nur dann farbig zurückgeworfen, wenn Einfalls- und Blickwinkel zu dieser Ebene passen. Außerhalb dieses Fensters sehen Sie die schwarze Grundfarbe des Gesteins. Ein guter Schliff legt die Schillerebene möglichst flach in die Oberfläche, damit das Fenster beim Tragen häufig getroffen wird.