Subduktionszone und Serpentinit: das geologische Milieu
Maw-sit-sit entsteht unter hohem Druck und vergleichsweise niedriger Temperatur, also in dem Milieu, das Geologen als HP/LT-Metamorphose bezeichnen. Der Rahmen ist der Jadegürtel Myanmars, der sich im Zuge der mesozoisch-känozoischen Subduktion der östlichen Indischen Platte bildete. Ausgangsgestein ist kein Granit und kein Kalkstein, sondern ein chromitführender Serpentinit, hervorgegangen aus Peridotit des oberen Erdmantels. Dieser große, stark metamorph überprägte Peridotitkörper durchzieht das Gebiet von Hpakant und Tawmaw; in ihm sitzen die Gänge, in denen sowohl Jadeitit als auch Maw-sit-sit vorkommen. Daneben findet sich das Material als Gerölle und Blöcke in den Verwitterungsschutt- und Flussablagerungen der Umgebung. Der ungewöhnlich hohe Chromgehalt des Gesteins stammt direkt aus diesem Mantelmaterial: Chromit ist im Peridotit ein gewöhnlicher Gemengteil, in fast jedem anderen Schmuckstein dagegen eine Seltenheit.
Zwei Schritte: Metasomatose und die Rückbildung zu Albit
Die 2025 in der Fachzeitschrift Crystals veröffentlichte Untersuchung hochwertigen Materials beschreibt einen zweistufigen Werdegang. Im ersten Schritt dringen natrium-, aluminium- und siliciumreiche Fluide in den chromitführenden Serpentinit ein und wandeln ihn metasomatisch um. Dabei entstehen unter hohem Druck die frühen Pyroxene, also Jadeit und Kosmochlor, die das Chrom aus dem zersetzten Chromit aufnehmen. Im zweiten Schritt wird das Gesteinspaket bei der Heraushebung der Platte entlastet. Unter dem nun geringeren Druck ist Jadeit nicht mehr stabil und wandelt sich unter Mitwirkung von Fluiden in Albit um. Zurück bleibt das charakteristische symplektitische Gefüge aus Albit, Chrom-Omphacit und Eckermannit, das die Autoren an ihren Proben beobachteten. Das erklärt zugleich, warum in manchem Maw-sit-sit überhaupt kein Jadeit mehr nachweisbar ist, obwohl er in der Entstehung eine Rolle spielte.
Gübelin 1963 und die verwickelte Geschichte des Kosmochlors
Der Schweizer Gemmologe Eduard J. Gübelin stieß Anfang der 1960er-Jahre bei einem Besuch der Jadeitreviere Nordmyanmars auf ein leuchtend grünes Material, das die örtlichen Schleifer nach dem Fundort benannten: Steine aus Maw-sit-sit. Gübelin erkannte, dass es sich nicht um Jade handelte, und beschrieb es 1963 wissenschaftlich; einzelne Quellen nennen 1964 oder allgemein die frühen 1960er-Jahre. Der Name des Dorfes wurde damit zum Namen des Gesteins. Der Hauptgemengteil hat eine eigene Vorgeschichte: Kosmochlor wurde bereits 1897 an einem Rückstand aus der Auflösung des Toluca-Eisenmeteoriten beschrieben, sein Name verweist auf diese kosmische Herkunft. 1965 wurde dasselbe Mineral unter dem Namen Ureyit erneut publiziert; nach der Identifizierung beider Beschreibungen behielt der ältere Name den Vorrang. Maw-sit-sit war der erste bedeutende irdische Fundort dieses Minerals.
