Ein Zeiger für niedrige Metamorphosegrade
Epidot entsteht dort, wo Gesteine bei vergleichsweise moderaten Temperaturen umgewandelt werden. Sein Hauptrevier ist die Regionalmetamorphose niedrigen bis mittleren Grades: die Grünschieferfazies, die ihren Namen nicht zuletzt dem Epidot verdankt. Typische Begleiter sind Chlorit, Aktinolith, Albit und Quarz. Ein zweiter Bildungsweg ist die Kontaktmetamorphose in Marmoren und Kalksilikatfelsen, ein dritter die hydrothermale Umwandlung. Besonders wichtig ist dabei die Saussuritisierung: Wenn calciumreicher Plagioklas in Gabbros und Dioriten von heißen Lösungen angegriffen wird, zerfällt er in ein feinkörniges Gemenge aus Epidot, Albit und weiteren Mineralen. Für Geologen ist Epidot deshalb ein Anzeiger. Wo er in einem Gestein auftritt, wissen Sie, dass Wasser im Spiel war und dass die Temperaturen im mittleren Bereich lagen — nicht im Bereich der Hochdruckmetamorphose. In alpinen Zerrklüften wächst Epidot zudem frei in Hohlräume hinein und bildet dort seine schönsten Kristalle.
Die Klinozoisit-Epidot-Reihe im Kristallgitter
Die Struktur besteht aus Ketten von Aluminium-Sauerstoff-Oktaedern, die durch isolierte SiO4-Tetraeder und paarweise verknüpfte Si2O7-Gruppen verbunden sind. Calcium besetzt die großen Hohlräume dazwischen. Entscheidend für den Gemmologen sind die drei Oktaederpositionen M1, M2 und M3. Auf M3 kann dreiwertiges Eisen den Platz des Aluminiums einnehmen, und genau dieser Austausch definiert die Reihe: Klinozoisit ohne Eisen, Epidot mit Eisen. Weil Eisen größer und schwerer ist als Aluminium, dehnt sich die Elementarzelle, die Dichte steigt von rund 3,2 auf bis zu 3,49, und Brechungsindex wie Doppelbrechung nehmen deutlich zu. Nimmt dreiwertiges Mangan diesen Platz ein, entsteht Piemontit mit rotbrauner bis violetter Farbe. Sitzen Seltene Erden auf dem Calciumplatz, entsteht Allanit, der wegen eingebautem Thorium schwach radioaktiv und meist metamikt ist. Für die Bestimmung heißt das: Messwerte grenzen die Zusammensetzung ein, benennen aber nicht automatisch eine eigene Mineralart.
Haüy, Bourg d'Oisans und der Name des Zuwachses
René Just Haüy beschrieb Epidot 1801 an Material aus Bourg d'Oisans im französischen Département Isère; dort liegt die Typlokalität. Der Name geht auf das griechische Wort epidosis für Zuwachs oder Vermehrung zurück und bezieht sich auf eine kristallographische Eigenheit: Die Basis des Prismas ist auf einer Seite länger ausgebildet als auf der anderen, das Prisma wächst gewissermaßen einseitig zu. Wer historische Sammlungsetiketten liest, stößt auf weitere Namen. Pistazit bezeichnete das eisenreiche, gelbgrüne Material, Thallit und Delphinit waren regionale Bezeichnungen für dasselbe. Auch Unionit taucht auf, ein alter, heute nicht mehr gültiger Name, der nicht Epidot, sondern Zoisit aus der Gegend von Unionville in Chester County, Pennsylvania meint. Verlassen Sie sich bei alten Etiketten nie auf den Namen allein. Lassen Sie historische Stücke im Zweifel messen, bevor Sie einen Preis daran knüpfen.
