Gemmologisches Nachschlagewerk

Das Edelstein-Lexikon

Von Achat bis Zirkonia – 174 Edelsteine mit Bildern, gemmologischen Daten und ausführlichen Hintergrundartikeln.

Edelkoralle Lexikon · Schliff & Bearbeitung

Edelkoralle – Schliff & Bearbeitung

Edelkoralle

Cabochon, Kugel und Kamee statt Facetten

Edelkoralle wird nicht facettiert. Das Material ist undurchsichtig bis höchstens durchscheinend, und mit Härte 3 bis 4 halten Facettenkanten dem Tragen nicht stand. Üblich sind deshalb Cabochons, Kugeln, Oliven, Stäbchen und Scheiben, dazu naturbelassene, nur polierte Zweige. Ihre eigentliche Stärke zeigt die Koralle in der Gravur: Der gleichmäßige, feinkörnige Aufbau erlaubt Reliefs, Rosen, Gesichter und Kameen, die aus einem massiven Stück herausgearbeitet werden. Torre del Greco lebt seit über zwei Jahrhunderten von dieser Technik und unterhält seit 1878 eine eigene Gravurschule. Für die Kugelfertigung wird der Stamm zunächst in Zylinder gesägt, dann gerundet, gebohrt und in Trommeln mit immer feineren Mitteln poliert. Die Endpolitur erfolgt mit weichen Scheiben und feinem Pulver, nicht mit aggressiven Pasten.

Ausbeute: warum so wenig übrig bleibt

Aus einem Korallenstamm wird nur ein Bruchteil zu Schmuck. Verloren gehen zunächst die äußeren Zonen mit den Kanälen bohrender Schwämme, dann Verzweigungsstellen, Risse und Zonen ungleichmäßiger Farbe. Bei pazifischer Ware kommt der helle Kern hinzu, der sich im Querschnitt als weißer Fleck zeigt und bei Kugeln entweder zentriert versteckt oder weggeschnitten werden muss. Weil der Stamm zudem nur wenige Millimeter im Jahr an Durchmesser gewinnt, begrenzt allein die Geometrie die erzielbare Steingröße. Das erklärt, warum der Preis je Gramm mit der Stückgröße überproportional steigt. Erfahrene Schleifer legen die Sägeschnitte deshalb entlang der Wachstumsachse an und richten Kugeln so aus, dass die Längsriefung nicht als Streifen über den Äquator läuft.

Sprödigkeit, Hitze und die Grenzen der Maschine

Edelkoralle besitzt keine Spaltbarkeit, bricht aber splittrig und ist spröde. Beim Bohren reißen Kugeln leicht an der Austrittsseite aus, weshalb von beiden Seiten und mit geringem Vorschub gebohrt wird. Kritischer ist Wärme: Das Material enthält organische Substanz, die sich bei Reibungshitze zersetzt; die Farbe kann bräunen, die Oberfläche stumpf werden. Deshalb wird nass geschliffen und in kurzen Intervallen gearbeitet. Chemisch verbietet sich jeder saure Reiniger, auch im Werkstattalltag. Für den Goldschmied heißt das: Ein gefasster Korallenstein darf niemals in der Nähe der Lötflamme bleiben und nicht ins Ultraschallbad oder in Beizen. Alle Lötarbeiten gehören vor das Fassen, alle Endarbeiten am Stein hinter die Metallpolitur.

Häufige Fragen

Warum wird Edelkoralle nicht facettiert?
Aus zwei Gründen. Zum einen ist das Material undurchsichtig bis allenfalls durchscheinend; Facetten könnten also kein Licht im Inneren reflektieren und würden nur als stumpfe Flächen wirken. Zum anderen liegt die Härte bei 3 bis 4, das Material ist spröde und bricht splittrig. Scharfe Facettenkanten würden im Alltag schnell ausbrechen und stumpf werden. Gewölbte Formen verteilen die Belastung dagegen gleichmäßig und lassen den wachsartigen bis glasartigen Glanz der polierten Oberfläche zur Geltung kommen. Genau deshalb sind Cabochon, Kugel und Gravur die traditionellen Formen.
Wie viel Material geht beim Schleifen verloren?
Eine allgemeingültige Zahl lässt sich nicht seriös angeben, weil sie vollständig von der Rohware abhängt. Verluste entstehen durch Bohrgänge von Schwämmen, durch Verzweigungen, Risse, ungleichmäßige Farbzonen und, bei pazifischer Ware, durch den hellen Kern. Bei Kugelware kommt der geometrische Verschnitt hinzu, denn aus einem verzweigten Stämmchen lassen sich nur wenige vollrunde Kugeln gewinnen. Praktisch bedeutet das: Je größer die gewünschte Kugel oder der Cabochon, desto überproportional teurer das fertige Stück. Fragen Sie beim Kauf nach der Kugelgröße, sie ist ein zuverlässiger Preisindikator.
Was bedeutet der weiße Kern bei pazifischer Koralle?
Die pazifischen Arten bilden ein Skelett mit heller Innenzone und farbiger Außenzone. Im Querschnitt erscheint dieser Kern als weißer Fleck. Er ist kein Mangel im Sinne einer Beschädigung, sondern ein artspezifisches Merkmal und zugleich ein brauchbares Herkunftsindiz: Mittelmeerkoralle ist durchgefärbt und zeigt keinen solchen Kern. Für den Schleifer ist der Kern jedoch ein Ausbeuteproblem, weil er bei Kugeln möglichst in die Mitte gelegt oder ganz vermieden werden muss. Sichtbare helle Flecken auf der Oberfläche mindern den Wert deutlich, gleichmäßig gefärbte Ware ohne sichtbaren Kern erzielt Aufschläge.