Cabochon, Kugel und Kamee statt Facetten
Edelkoralle wird nicht facettiert. Das Material ist undurchsichtig bis höchstens durchscheinend, und mit Härte 3 bis 4 halten Facettenkanten dem Tragen nicht stand. Üblich sind deshalb Cabochons, Kugeln, Oliven, Stäbchen und Scheiben, dazu naturbelassene, nur polierte Zweige. Ihre eigentliche Stärke zeigt die Koralle in der Gravur: Der gleichmäßige, feinkörnige Aufbau erlaubt Reliefs, Rosen, Gesichter und Kameen, die aus einem massiven Stück herausgearbeitet werden. Torre del Greco lebt seit über zwei Jahrhunderten von dieser Technik und unterhält seit 1878 eine eigene Gravurschule. Für die Kugelfertigung wird der Stamm zunächst in Zylinder gesägt, dann gerundet, gebohrt und in Trommeln mit immer feineren Mitteln poliert. Die Endpolitur erfolgt mit weichen Scheiben und feinem Pulver, nicht mit aggressiven Pasten.
Ausbeute: warum so wenig übrig bleibt
Aus einem Korallenstamm wird nur ein Bruchteil zu Schmuck. Verloren gehen zunächst die äußeren Zonen mit den Kanälen bohrender Schwämme, dann Verzweigungsstellen, Risse und Zonen ungleichmäßiger Farbe. Bei pazifischer Ware kommt der helle Kern hinzu, der sich im Querschnitt als weißer Fleck zeigt und bei Kugeln entweder zentriert versteckt oder weggeschnitten werden muss. Weil der Stamm zudem nur wenige Millimeter im Jahr an Durchmesser gewinnt, begrenzt allein die Geometrie die erzielbare Steingröße. Das erklärt, warum der Preis je Gramm mit der Stückgröße überproportional steigt. Erfahrene Schleifer legen die Sägeschnitte deshalb entlang der Wachstumsachse an und richten Kugeln so aus, dass die Längsriefung nicht als Streifen über den Äquator läuft.
Sprödigkeit, Hitze und die Grenzen der Maschine
Edelkoralle besitzt keine Spaltbarkeit, bricht aber splittrig und ist spröde. Beim Bohren reißen Kugeln leicht an der Austrittsseite aus, weshalb von beiden Seiten und mit geringem Vorschub gebohrt wird. Kritischer ist Wärme: Das Material enthält organische Substanz, die sich bei Reibungshitze zersetzt; die Farbe kann bräunen, die Oberfläche stumpf werden. Deshalb wird nass geschliffen und in kurzen Intervallen gearbeitet. Chemisch verbietet sich jeder saure Reiniger, auch im Werkstattalltag. Für den Goldschmied heißt das: Ein gefasster Korallenstein darf niemals in der Nähe der Lötflamme bleiben und nicht ins Ultraschallbad oder in Beizen. Alle Lötarbeiten gehören vor das Fassen, alle Endarbeiten am Stein hinter die Metallpolitur.
