Wie eine Kolonie ihr Skelett aufbaut
Eine Kolonie von Corallium rubrum beginnt als einzelne Larve, die sich auf Hartsubstrat festsetzt. Aus ihr entsteht ein Polypenverband, der gemeinsam ein Achsenskelett abscheidet. Die Polypen bilden zunächst mikroskopische Kalkkörper, sogenannte Skleriten, die im Inneren der Kolonie durch eine organische Matrix verkittet und zu einem massiven Stamm verschmolzen werden. Dieses Skelett wächst von innen nach außen in Jahresschichten, weshalb ein Querschnitt konzentrische Ringe zeigt, während die Längsrichtung eine feine Riefung aufweist. Die Kolonien werden im Mittelmeer meist 5 bis 30 Zentimeter hoch, der Höhenzuwachs beträgt nur 2 bis 8 Millimeter im Jahr, der Durchmesserzuwachs noch weniger. Zweigenden messen 3 bis 5 Millimeter, die Basis großer Kolonien bis etwa 3 Zentimeter. Ein Ast von 50 Zentimetern gilt als mehrere Jahrhunderte alt und ist heute eine Ausnahme.
Lebensraum: dunkel, strömungsreich, sedimentarm
Edelkoralle ist lichtscheu und lebt ohne symbiontische Algen, anders als die tropischen Riffkorallen. Sie besiedelt Felswände, Überhänge und Höhlendecken mit klarer Strömung und wenig Sedimenteintrag. Im Mittelmeer reicht ihr Tiefenbereich von etwa 2 bis 280 Metern, wobei die Art unterhalb von 40 Metern deutlich häufiger wird; in den dunklen Höhlen vor Alghero auf Sardinien wächst sie ausnahmsweise schon ab vier Metern. Das Verbreitungsgebiet umfasst das westliche und zentrale Mittelmeer sowie den angrenzenden Atlantik vor Portugal, Marokko, den Kanaren und den Kapverden. Die pazifischen Schmuckkorallen leben erheblich tiefer, üblicherweise zwischen 100 und 1.500 Metern auf Seebergen mit starker Strömung. Beide Gruppen ernähren sich als Filtrierer von Zooplankton und gelöster organischer Substanz.
Kristallchemie, Fremdbesiedlung und Erstbeschreibung
Chemisch ist das Skelett ein Magnesium-Calcit: Calciumcarbonat, in dessen Gitter Magnesium eingebaut ist. Die CIBJO gibt den Karbonatanteil mit rund 82 bis 87 Prozent an, der Rest entfällt auf die organische Matrix und auf Spurenelemente. Diese Kombination unterscheidet Edelkoralle von den riffbildenden Steinkorallen, deren Skelett aus Aragonit besteht. Lebende Kolonien werden häufig von bohrenden Schwämmen befallen, die feine Kanäle hinterlassen; solche Stellen mindern die Ausbeute beim Schleifen erheblich. Wissenschaftsgeschichtlich wurde die Koralle lange den Pflanzen zugeordnet, bis Jean-André Peyssonnel ab 1725 zeigte, dass die vermeintlichen Blüten Polypen sind. Carl von Linné nahm die Art 1758 in die Systema Naturae auf, Georges Cuvier stellte 1798 die Gattung Corallium auf. Gültig ist heute Corallium rubrum (Linnaeus, 1758).
