Die instabile Form, die trotzdem überall entsteht
Unter den Druck- und Temperaturbedingungen der Erdoberfläche ist Calcit die stabile Modifikation des Calciumcarbonats. Aragonit wird erst oberhalb von etwa 3000 bar zur stabilen Phase, was rund zehn Kilometern Gesteinsüberdeckung entspricht. Trotzdem bildet er sich in großen Mengen dort, wo kein nennenswerter Druck herrscht. Der Grund ist Kinetik, nicht Thermodynamik: Gelöstes Magnesium lagert sich an Calcitkeime an und blockiert deren Wachstum, während Aragonitkeime unbehelligt bleiben. Übersteigt das Magnesium-Calcium-Verhältnis der Lösung den Wert 2, fällt bevorzugt Aragonit aus. Dasselbe bewirken erhöhte Temperaturen, Sulfat sowie gelöstes Blei und Strontium. Deshalb entsteht Aragonit an Thermalquellen, in Höhlen, in Salzseen und im heutigen Meerwasser. Echter Hochdruckaragonit ist dagegen ein Zeuge der Subduktion: In den Blauschiefern des Franciscan-Komplexes in Kalifornien und in Neukaledonien belegt er Drücke, wie sie nur in abtauchenden Platten erreicht werden.
Keupermergel, Gips und aufsteigendes Warmwasser
Die schönsten Kristalle des Handels entstehen in einem denkbar unspektakulären Milieu. Sowohl an der Typlokalität bei Molina de Aragón als auch im marokkanischen Mittleren Atlas sitzen sie in Tonen, Mergeln und Gipsen der oberen Trias, in der Keuperfazies. Calciumreiche, warme Wässer steigen entlang von Klüften auf, verlieren beim Austritt Kohlendioxid und fällen Calciumcarbonat aus. Weil diese Wässer zugleich sulfat- und magnesiumreich sind, entsteht Aragonit statt Calcit. Die Kristalle wachsen frei in Hohlräumen der Tonschicht, was ihre allseitige Ausbildung erklärt. Als Begleitminerale treten Gips, Coelestin, Dolomit und Quarz auf, dazu die Eisenoxide, die für die rotbraune Färbung sorgen. Charakteristisch ist die zyklische Verzwillingung nach {110}: Drei Individuen durchdringen sich so, dass eine scheinbar hexagonale Säule entsteht. Erst die Längsstreifung und die einspringenden Winkel an den Endflächen verraten den Drilling.
Werner, Klaproth und ein Name aus Aragonien
Die Kristalle von Molina de Aragón waren im 18. Jahrhundert bekannt und galten zunächst als eine Spielart des Apatits. Martin Heinrich Klaproth wies durch Analyse nach, dass kein Phosphor enthalten ist. Abraham Gottlob Werner benannte das Mineral 1797 nach der historischen Region Aragonien und legte damit die Typlokalität fest. Die Spanische Mineralogische Gesellschaft führt Aragonit bis heute als ihr Symbol. Wissenschaftlich schwerwiegender war eine Folgeerkenntnis: Aragonit ist metastabil und rekristallisiert über Zeiträume von zehn bis hundert Millionen Jahren zu Calcit. Deshalb ist aus Gesteinen, die älter als das Karbon sind, so gut wie kein primärer Aragonit überliefert — Schalen und Riffkalke jener Zeit liegen heute als Calcit vor. Eine bemerkenswerte Ausnahme ist der Ammolith aus der kreidezeitlichen Bearpaw-Formation in Alberta, dessen Perlmutt nach rund 70 Millionen Jahren noch aragonitisch ist.
