Gemmologisches Nachschlagewerk

Das Edelstein-Lexikon

Von Achat bis Zirkonia – 174 Edelsteine mit Bildern, gemmologischen Daten und ausführlichen Hintergrundartikeln.

Aragonit Lexikon · Übersicht

Aragonit – Eigenschaften, Herkunft und Qualität im Überblick

Aragonit

Aragonit ist das Lehrbuchbeispiel für Polymorphie: Er hat dieselbe Formel wie Calcit, CaCO3, kristallisiert aber orthorhombisch statt trigonal und ist an der Erdoberfläche die instabile der beiden Formen. Im Handel begegnet er Ihnen vor allem als rotbrauner „Sputnik“ aus Marokko und als Eisenblüte aus der Steiermark — und, kaum jemand denkt daran, als Perlmutt jeder Perle.

Aragonit – die Kennzahlen

EigenschaftWert
MineralklasseKarbonate ohne zusätzliche Anionen, Aragonitgruppe (Strunz 5.AB.15), gemeinsam mit Cerussit, Strontianit und Witherit
Chemische FormelCaCO3; Calcium teilweise ersetzbar durch Strontium, Blei, Zink und Barium, dazu geringe Gehalte an Magnesium
Kristallsystemorthorhombisch, Raumgruppe Pmcn (Nr. 62); a = 4,96 Å, b = 7,96 Å, c = 5,74 Å, Z = 4; zyklische Drillinge nach {110} erzeugen pseudohexagonale Säulen
Mohs-Härte3,5 bis 4; eine halbe bis eine ganze Stufe härter als Calcit mit 3
Dichte2,94 g/cm³ (Bereich 2,93 bis 2,95); Calcit liegt bei 2,71 g/cm³ — der deutlichste Trennwert zwischen beiden
Brechungsindexnα 1,530, nβ 1,680, nγ 1,685 (Natriumlicht); Calcit dagegen 1,486 bis 1,658
Doppelbrechung0,155, optisch zweiachsig negativ, 2V etwa 18 bis 19 Grad, parallele Auslöschung
GlanzGlasglanz, auf Bruchflächen harzig bis fettig; Strich weiß
Spaltbarkeitdeutlich nach {010}, undeutlich nach {110}; die rhomboedrische Spaltbarkeit des Calcits fehlt vollständig
Bruchunvollkommen muschelig bis splittrig, spröde
Transparenzdurchsichtig bis undurchsichtig
Farbenfarblos, weiß, grau, gelb, honigbraun, rotbraun, rosa, grünlich, bläulich, violett
Wichtigste FundorteMolina de Aragón, Guadalajara (Spanien, Typlokalität); Minglanilla bei Cuenca (Spanien); Tazouta bei Sefrou, Mittlerer Atlas (Marokko, die „Sputniks“ des Handels); Erzberg bei Eisenerz in der Steiermark (Österreich, Eisenblüte); Karlovy Vary (Tschechien, Sprudelstein und Erbsenstein); Ochtiná (Slowakei); Agrigent auf Sizilien (Italien); Bahamabank (Ooidsand)
BehandlungenFärbung heller, poröser Ware verbreitet, vor allem in Blau und Grün; Tränkung mit Kunstharz zur Festigung zerbrechlicher Aggregate; Brennen und Bestrahlung unüblich, da Hitze das Mineral in Calcit umwandelt
Erstbeschreibung1797 von Abraham Gottlob Werner nach der Typlokalität Molina de Aragón in der historischen Region Aragonien benannt; das Material galt zuvor als Apatit, bis Martin Heinrich Klaproth nachwies, dass es keinen Phosphor enthält

Dieselbe Formel, zwei verschiedene Minerale

Aragonit und Calcit bestehen beide aus Calciumcarbonat, CaCO3, und sind trotzdem zwei eigenständige Minerale. Der Unterschied liegt allein im Bauplan: Calcit ordnet seine Calciumionen und Carbonatgruppen trigonal an, Aragonit orthorhombisch in der Raumgruppe Pmcn. Mineralogen nennen das Polymorphie, und kein Beispiel wird in Lehrbüchern häufiger zitiert als dieses Paar. Daraus folgt weit mehr als eine akademische Feinheit. Die dichtere Packung des Aragonits hebt die Dichte von 2,71 auf 2,94 Gramm je Kubikzentimeter und die Härte von 3 auf 3,5 bis 4. Gleichzeitig verliert der Aragonit die berühmte rhomboedrische Spaltbarkeit des Calcits und spaltet nur noch deutlich nach einer einzigen Fläche. Unter den Bedingungen an der Erdoberfläche ist Aragonit die instabile Form. Er entsteht dort zwar ständig neu, wandelt sich aber über geologische Zeiträume in Calcit um. Deshalb ist Aragonit, der älter als das Karbon ist, praktisch nicht überliefert.

Vier Prüfungen, die Aragonit von Calcit trennen

Beide Minerale brausen mit verdünnter Salzsäure, beide haben einen weißen Strich, beide können farblos sein. Vier Prüfungen trennen sie dennoch zuverlässig. Erstens die Dichte: 2,94 gegen 2,71 Gramm je Kubikzentimeter. In Bromoform mit 2,89 Gramm je Kubikzentimeter sinkt Aragonit, Calcit schwimmt auf. Zweitens der Brechungsindex. Calcit liegt zwischen 1,486 und 1,658, Aragonit zwischen 1,530 und 1,685; der niedrige Wert des Calcits ist auf dem Refraktometer unverwechselbar. Drittens die Spaltbarkeit. Zerschlagen Sie ein Calcitstück, zerfällt es in lauter kleine Rhomboeder. Aragonit tut das nicht, er bricht muschelig und splittrig. Viertens die Meigen-Reaktion: Kochen Sie etwas Pulver einige Minuten in verdünnter Kobaltnitratlösung, färbt sich Aragonit lila bis violett, während Calcit nahezu ungefärbt bleibt. Diese Probe kostet wenig und ist am Handstück in wenigen Minuten erledigt.

Die „Sputniks“ aus dem Mittleren Atlas

Fast alles, was heute als Aragonit über den Ladentisch geht, stammt aus Marokko. In den Tonen und Mergeln bei Tazouta südlich von Sefrou, am Nordrand des Mittleren Atlas, wachsen zyklische Drillinge zu igelförmigen Aggregaten zusammen. Jeder einzelne Kristall ist eine pseudohexagonale Säule aus drei nach {110} verzwillingten Individuen; Dutzende davon strahlen von einem gemeinsamen Zentrum nach außen. Der Handel nennt diese Kugeln „Sputnik“ oder Kristalligel. Die rotbraune bis orangebraune Farbe stammt von feinverteilten Eisenoxiden aus dem umgebenden Sediment, die Kristallspitzen bleiben häufig hell und durchscheinend. Typische Stücke messen 4 bis 10 Zentimeter und kosten im deutschen Fachhandel etwa 8 bis 35 Euro. Damit sind sie die günstigste Möglichkeit, eine lehrbuchreife Drillingsbildung ins Regal zu stellen — und zugleich der Grund, weshalb viele Sammler Aragonit ausschließlich in dieser einen Form kennen.

Perlmutt, Perlen und Riffkorallen bestehen aus Aragonit

Der weitaus größte Teil des Aragonits auf der Erde ist nicht mineralisch, sondern biologisch entstanden. Muscheln und Schnecken bauen ihre Perlmuttschicht aus Aragonitplättchen von wenigen hundert Nanometern Dicke, verklebt durch das Eiweiß Conchiolin. Perlen bestehen aus demselben Material. Auch die Skelette der riffbildenden Steinkorallen sind Aragonit, und der Ooidsand der Bahamabank ist anorganisch ausgefällter Aragonit. Die Edelkoralle des Mittelmeers gehört dagegen nicht dazu: Sie baut ihr Skelett aus magnesiumreichem Calcit. Auch hier trennt also die Kristallstruktur, nicht die Chemie. Interessant ist der Widerspruch im Handel: Perle und Perlmutt gelten als tragbar, reiner Aragonit als empfindlich. Der Unterschied liegt nicht im Mineral, sondern im Aufbau. Der Verbund aus Plättchen und organischem Kleber lenkt Risse ab und macht Perlmutt um ein Vielfaches zäher als einen gewachsenen Aragonitkristall. Die Pflegeregeln bleiben dieselben: keine Säure, kein Ultraschall.

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Kurz gefasst

Kaufen Sie Aragonit als das, was er ist: ein hervorragendes Anschauungsobjekt und ein dekorativer Sammlerstein, kein Gebrauchsschmuckstein. Für 8 bis 35 Euro bekommen Sie einen marokkanischen Sputnik mit lehrbuchreifer Drillingsbildung, und das ist der beste Gegenwert im ganzen Angebot. Achten Sie auf unbeschädigte Kristallspitzen und lassen Sie gefärbte blaue oder grüne Ware stehen. Wer facettierte Steine sammelt, zahlt 25 bis 240 Euro je Karat und kauft Seltenheit, nicht Brillanz. Für den Körper wählen Sie Anhänger in Zargenfassung. Säure und Ultraschall bleiben in jedem Fall außen vor.

Die mineralogischen Kennzahlen dieses Clusters wurden gegen mineralogische Fachquellen und Laborberichte abgeglichen; Preisangaben sind Handelsspannen und keine verbindlichen Notierungen.

Über dieses Lexikon

Die Angaben zu Aragonit stammen aus dem Lexikon von Edelsteine-24 – Direktimport seit 2002 mit eigenem gemmologischem Labor. Die Inhalte richten sich an Käufer, Sammler und alle, die den Stein fachlich einordnen möchten.

Häufige Fragen

Ist Aragonit dasselbe wie Calcit?
Chemisch ja, mineralogisch nein. Beide haben die Formel CaCO3, kristallisieren aber in verschiedenen Systemen: Calcit trigonal, Aragonit orthorhombisch. Das ist der klassische Fall von Polymorphie. Messbar wird der Unterschied an der Dichte (2,71 gegen 2,94 Gramm je Kubikzentimeter), an der Härte (3 gegen 3,5 bis 4), am Brechungsindex und vor allem an der Spaltbarkeit: Calcit zerfällt in Rhomboeder, Aragonit nicht. Wer ein Stück sicher zuordnen will, wiegt es hydrostatisch oder führt die Meigen-Reaktion mit Kobaltnitratlösung durch.
Warum wandelt sich Aragonit in Calcit um?
Unterhalb von etwa 3000 bar ist bei normalen Temperaturen Calcit die thermodynamisch stabile Form des Calciumcarbonats. Aragonit entsteht an der Oberfläche trotzdem laufend, weil seine Keimbildung unter bestimmten Bedingungen schneller abläuft — etwa bei erhöhter Temperatur oder bei hohem Magnesiumgehalt des Wassers. Er ist dann metastabil und rekristallisiert über Zeiträume von zehn bis hundert Millionen Jahren zu Calcit. Ihre Sammlungsstufe ist davon nicht betroffen: Bei Raumtemperatur und trocken gelagert bleibt Aragonit über Jahrhunderte unverändert.
Was kostet ein Aragonit-Sputnik aus Marokko?
Kleine Igel von 3 bis 5 Zentimetern liegen im deutschen Fachhandel bei etwa 8 bis 18 Euro. Stufen um 6 bis 7 Zentimeter mit sauber ausgebildeten Spitzen kosten etwa 25 bis 40 Euro, größere Exemplare von 10 Zentimetern und mehr, oder Gruppen mehrerer Igel auf gemeinsamer Matrix, erreichen 50 bis 150 Euro. Preistreibend sind unbeschädigte Kristallspitzen, kräftige Farbe und eine Standfläche, die das Stück ohne Halter aufrecht hält. Bruchstellen an den Spitzen drücken den Preis deutlich.
Kann ich Aragonit im Ring tragen?
Davon ist abzuraten. Mit Mohs-Härte 3,5 bis 4 liegt Aragonit weit unter dem Quarz mit Härte 7, der den Hauptbestandteil von Hausstaub bildet. Eine polierte Fläche mattiert deshalb schon nach wenigen Wochen täglichen Tragens. Dazu kommen Sprödigkeit und die deutliche Spaltbarkeit nach {010}, die einen Stoß gegen die Türklinke schlecht verzeiht. Geeignet sind Anhänger, Broschen und Ohrschmuck in geschlossener Zargenfassung — also Stücke, die nicht anstoßen und nicht dauernd über Oberflächen streifen.