Skarn: wo Kalkstein auf heißes Magma trifft
Vesuvianit ist ein typisches Kind der Kontaktmetamorphose. Dringt eine Granit- oder Dioritschmelze in Kalkstein oder Dolomit ein, heizt sie das Nebengestein auf mehrere hundert Grad auf und schickt kieselsäure-, aluminium- und eisenreiche Lösungen hinein. Aus der Reaktion zwischen dem calciumreichen Karbonat und diesen Lösungen entsteht ein Skarn, und in diesem Skarn kristallisiert Vesuvianit. Die typische Paragenese besteht aus Grossular und Hessonit, Diopsid, Wollastonit, Calcit und Klinochlor — wer einen dieser Begleiter in einer Stufe sieht, sollte nach Vesuvianit suchen. Ein zweites, weniger bekanntes Milieu sind Rodingite: metasomatisch umgewandelte Gänge in serpentinisierten Ultrabasiten. Genau dort entstand das kanadische Material der Jeffrey Mine, und genau daraus erklärt sich sein charakteristisch olivgrüner, chromhaltiger Ton. Auch regionalmetamorphe Vorkommen sind bekannt, liefern aber selten schleifbares Material.
Ein Kristallgitter mit ungewöhnlich vielen Plätzen
Die Formel Ca19(Al,Mg,Fe²⁺)13(Si2O7)4(SiO4)10O(OH)9 wirkt sperrig, erklärt aber die Eigenheiten des Minerals. Vesuvianit gehört zu den Gruppensilikaten und enthält gleichzeitig isolierte SiO4-Tetraeder und paarweise verknüpfte Si2O7-Gruppen — eine Kombination, die nur wenige Minerale zeigen. Zwischen diesen Bausteinen sitzen Calcium und eine ganze Reihe von Metallpositionen, die Aluminium, Magnesium, Eisen, Titan, Mangan, Chrom oder Kupfer aufnehmen können. Diese Toleranz ist der Grund für das breite Farbspektrum und für die schwankenden Kennwerte: Brechungsindex und Dichte verschieben sich messbar mit dem Eisengehalt. Sie ist auch der Grund, warum Vesuvianit so häufig optische Anomalien zeigt. Viele Kristalle sind in Sektoren aufgebaut, die unterschiedlich zusammengesetzt sind, und erscheinen deshalb im Polariskop zweiachsig, obwohl das tetragonale System einachsiges Verhalten verlangt. Für die Praxis heißt das: Zwei Vesuvianite desselben Fundorts können messbar unterschiedliche Werte liefern, ohne dass einer von beiden falsch bestimmt wäre.
Werner, Haüy und der lange Streit um den Namen
Die Kristalle vom Monte Somma, dem älteren Kraterrand des Vesuvs, lagen schon im 18. Jahrhundert in europäischen Kabinetten. Abraham Gottlob Werner erkannte sie 1795 als eigene Art und nannte sie Vesuvian nach dem Fundberg; der Vesuv ist damit Typlokalität. René Just Haüy widersprach 1796 und schlug Idokras vor, weil die Flächenkombinationen der Kristalle an andere Minerale erinnerten. Aus diesem Konflikt zweier Schulen stammt die bis heute doppelte Benennung. Ein zweiter Namensstreit betrifft Sibirien: Das dunkelgrüne Material vom Wilui-Fluss hieß lange Wiluit, wurde aber 1998 als eigenständige, borhaltige Mineralart Wiluit definiert. Gleichzeitig hatte ein anderer Autor denselben Namen für Grossular verwendet. Wenn Ihnen ein sibirischer Wiluit angeboten wird, klären Sie deshalb, welche der drei Bedeutungen gemeint ist. Auf das Zertifikat gehört in jedem Fall der gültige Artname, ergänzt um den Handelsnamen, wenn der Kunde ihn erwartet.
