Sechs Spaltrichtungen und kein Ausweg
Die vollkommene Spaltbarkeit nach dem Rhombendodekaeder {011} verläuft in sechs gleichwertigen Richtungen durch den ganzen Kristall. Anders als bei Topas, wo eine einzige Spaltebene durch geschickte Orientierung entschärft werden kann, gibt es beim Sphalerit keine sichere Lage. Hinzu kommt die geringe Härte von 3,5 bis 4 und eine ausgeprägte Sprödigkeit. In der Praxis heißt das: Der Schleifer arbeitet mit sehr geringem Druck, niedriger Drehzahl und viel Kühlung. Das Aufkitten erfolgt mit Kaltkleber statt mit erwärmtem Dopwachs, weil das Material thermisch empfindlich und zudem pyroelektrisch ist. Fachleute berichten, dass das Facettieren selbst beherrschbar bleibt und die Spaltbarkeit dabei weniger stört, als man erwarten würde; kritisch wird es beim Polieren, wenn die Politurrichtung parallel zu einer Spaltebene verläuft. Dann reißt die Oberfläche auf. Die eigentliche Gefahrenzone ist ohnehin das Fassen, nicht das Schleifen.
Der Geruch an der Schleifscheibe
Ein praktischer Punkt, den Sie in kaum einem Steinbuch finden: Sphalerit ist ein Sulfid, und beim Schleifen entsteht Schwefelwasserstoff. Der Geruch nach faulen Eiern ist so deutlich, dass Fachleute ihn ausdrücklich als die eigentliche Herausforderung beim Bearbeiten dieses Steins bezeichnen. Gearbeitet wird deshalb mit guter Absaugung oder im Freien, und der Schleifschlamm sollte nicht eintrocknen. Gesundheitlich ist die Menge bei normalem Facettieren unbedenklich, unangenehm ist sie trotzdem. Derselbe Effekt tritt beim Strichprobenversuch auf: Der Strich ist weiß bis gelblichbraun und riecht gelegentlich nach Schwefel. Für Sie als Käufer ist das ein nützlicher Hinweis, denn er bestätigt bei einem Rohstück die Sulfidnatur. Bei einem fertig geschliffenen Stein sollten Sie diesen Test selbstverständlich nicht durchführen. Ein zweiter Nebeneffekt der Bearbeitung ist die Triboluminescenz: Beim Ritzen gibt Sphalerit gelborange Lichtblitze ab.
Welcher Schliff das Feuer ausspielt
Bei einer Dispersion von 0,156 lautet die Aufgabe des Schliffs, das Licht möglichst oft zu brechen. Bewährt haben sich runde Brillantschliffe, Trillionen, Ovale und Birnen mit vielen kleinen Facetten sowie Portugiesen- und Fantasieschliffe. Große, ruhige Flächen wie beim Smaragdschliff verschenken das Potenzial, weil sie das Licht nur einmal spiegeln, statt es aufzufächern. Der hohe Brechungsindex von etwa 2,40 erlaubt flachere Pavillonwinkel als bei Quarz, ohne dass ein Fenster entsteht; dadurch lässt sich Gewicht sparen. Weil Sphalerit stark absorbiert, wirken sehr dunkle braune Steine ab etwa fünf Karat schwarz; hier ist ein flacherer Schnitt sinnvoll. Die Ausbeute liegt wegen der Spaltbarkeit und der häufigen Rissbildung niedriger als bei vergleichbaren Steinen. Deutsche und amerikanische Sammlerschleifer bevorzugen Größen zwischen zwei und zehn Karat, weil sich in diesem Bereich Feuer und Handhabbarkeit die Waage halten.
