Hochtemperatur-Metamorphose in aluminiumreichem Gestein
Dumortierit bildet sich, wo aluminiumreiche Sedimente unter hoher Temperatur metamorph überprägt werden und gleichzeitig Bor verfügbar ist. Das klassische Milieu sind regionalmetamorphe Gneise, Glimmerschiefer und Quarzite, die aus tonigen Ausgangsgesteinen hervorgegangen sind. Tonminerale liefern das Aluminium, Bor stammt aus zirkulierenden Fluiden oder aus borhaltigen Sedimenten. Ein zweites wichtiges Milieu sind borreiche Pegmatite und deren Kontaktzonen, in denen Dumortierit gemeinsam mit Turmalin auftritt. Drittens entsteht er in hydrothermal überprägten, stark sauer ausgelaugten Gesteinen, wie sie in den Nevada-Vorkommen dokumentiert sind. In allen drei Fällen wächst er als feine Nadel, nicht als kompakter Kristall, und durchsetzt den umgebenden Quarz mit Millionen von Fasern. Genau diese Wuchsform erklärt, warum das Mineral fast nie als eigenständiger Schleifstein verfügbar ist und warum der Markt stattdessen den Wirt mitverkauft.
Bor im Inselsilikat: der kristallchemische Sonderfall
Chemisch ist Dumortierit ein Inselsilikat, in dem isolierte SiO4-Tetraeder in ein Gerüst aus kantenverknüpften Aluminium-Oktaedern eingebettet sind. Die Besonderheit sind die dazwischen sitzenden BO3-Dreiecksgruppen: Bor tritt hier dreifach koordiniert auf, nicht wie in Danburit vierfach in Tetraedern. Die Aluminiumpositionen sind teilweise unterbesetzt, weshalb die Formel mit Al6,5 bis Al7 schwankt und Sauerstoff je nach Stück durch Hydroxylgruppen ersetzt wird. Diese Kettenstruktur aus Oktaedern gibt dem Mineral seinen faserigen Habitus und die deutliche Spaltbarkeit nach {100}. Sie erklärt auch den starken Pleochroismus: Entlang der Faserachse erscheint das Mineral tiefblau bis violett, quer dazu blassgelb bis farblos. Für die Praxis ist die hohe Aluminiumdichte relevant, denn sie macht Dumortierit hitzebeständig und feuerfest. Die Porzellanindustrie nutzt das Mineral deshalb seit langem als Rohstoff für hochwertige Keramik und Aluminium-Feuerfestprodukte.
Gonnard, Chaponost und das Jahr 1881
Die Erstbeschreibung stammt aus dem Jahr 1881 von Ferdinand Gonnard, der das Mineral in Chaponost in der Region Rhône westlich von Lyon fand. Benannt wurde es nach Eugène Dumortier, einem französischen Paläontologen, der von 1803 bis 1873 lebte und sich um die Erforschung des Jura im Rhônetal verdient gemacht hat. Die Typlokalität liefert kein Material für den Schmuckmarkt; ihre Bedeutung ist rein wissenschaftsgeschichtlich. Erst mit den brasilianischen und madagassischen Vorkommen wurde Dumortierit im 20. Jahrhundert zum Handelsstein. Ein Nachtrag betrifft die Systematik: Dumortierit gehört zu einer kleinen Gruppe mit dem verwandten Holtit, in dem Antimon und Tantal eingebaut sind. Für den Handel spielt das keine Rolle, für die Bestimmung ungewöhnlich schwerer Stücke aus Pegmatiten aber durchaus. Im Zweifel klärt eine Raman-Analyse die Zuordnung zuverlässig.
