Gemmologisches Nachschlagewerk

Das Edelstein-Lexikon

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Charoit Lexikon · Entstehung & Mineralogie

Charoit – Entstehung & Mineralogie

Charoit

Ein Syenit trifft auf Kalkstein

Charoit entsteht in einer Kontaktzone, die selten in dieser Zusammensetzung auftritt. Im Murun-Massiv ist ein alkalireicher, kalium- und strontiumbetonter Syenit in Kalkstein eingedrungen. Die aus der Schmelze austretenden heißen, wasser- und alkalireichen Lösungen haben das Karbonatgestein nicht einfach aufgeschmolzen, sondern Element für Element umgebaut. Das Ergebnis ist ein Kalifeldspat-Metasomatit, in dem Charoit als eigenständige Gesteinsmasse auftritt. Die Bildungstemperatur wird mit etwa 200 bis 250 Grad Celsius angegeben, also deutlich unterhalb einer magmatischen Kristallisation. Entscheidend ist das ungewöhnliche Angebot an Kalium, Kalzium, Silizium, Strontium und Barium bei gleichzeitig hohem Wassergehalt. Fehlt eine dieser Komponenten, bilden sich stattdessen gewöhnliche Skarnminerale. Vermutlich ist genau diese Kombination der Grund, weshalb der weltweit sonst häufige Vorgang der Kalksteinkontaktmetamorphose an keiner anderen Stelle Charoit hervorgebracht hat.

Kristallchemie eines Bandsilikats

Mineralogisch gehört Charoit zu den Ketten- und Bandsilikaten, in der Strunz-Systematik zur Gruppe 9.DG mit dreifach-periodischen Einfach- und Mehrfachketten. Vereinfacht wird die Formel als K(Ca,Na)2Si4O10(OH,F)·H2O geschrieben, die ausführliche Fassung lautet K5Ca8(Si6O15)2(Si2O7)Si4O9(OH)·3H2O. Die Struktur ist monoklin, Kristallklasse 2/m, Raumgruppe P2(1)/m. Charakteristisch sind gewellte Silikatbänder, zwischen denen Kalzium-, Kalium- und Natriumpositionen sowie Wassermoleküle liegen. Weil diese Bänder in eine Vorzugsrichtung wachsen, bildet Charoit ausschließlich lange, sehr dünne Fasern. Freistehende, messbare Kristalle sind bis heute nicht bekannt; im Handel liegt immer verfilztes, derbes Aggregat vor. Als Einbauelemente werden Aluminium, Eisen, Mangan, Strontium und Barium nachgewiesen. Das eingelagerte Wasser erklärt die Hitzeempfindlichkeit: Erwärmen Sie Charoit stark, verliert er Wasser und wird stumpf und rissig. Eng verwandt und in derselben Lagerstätte beschrieben ist Frankamenit, ein fluorreiches Glied derselben Strukturfamilie, das dem Charoit äußerlich gleicht und erst durch chemische Analyse sicher von ihm zu trennen ist. Auch die gute Spaltbarkeit nach drei Richtungen ist eine direkte Folge des Bandbaus: Zwischen den Silikatbändern liegen schwächer gebundene Kationen- und Wasserlagen, an denen das Aggregat bevorzugt aufreißt.

Von Ditmar 1948 zur Erstbeschreibung 1978

Die erste Probe fand 1948 der Geologe W. G. Ditmar bei einer regionalen Kartierung. Er hielt das violette Material für einen ungewöhnlichen Schiefer und legte es ab. Erst 1973 stieß Juri Rogow bei einer Expedition auf einen meterhohen Block des Gesteins. Seine Frau Wera Rogowa, Mineralogin derselben Expedition, erkannte an den gelben Beimengungen, dass hier eine unbekannte Mineralgesellschaft vorlag. 1978 wurde Charoit als eigenständige Mineralart beschrieben und von der Internationalen Mineralogischen Assoziation anerkannt. Der Name geht auf den Fluss Tschara zurück, in dessen Einzugsgebiet die Lagerstätte liegt; die verbreitete Herleitung vom russischen Wort für bezaubern gilt als nachträgliche Volksetymologie. Bezeichnend ist, dass Fachleute den Stein anfangs für künstlich gefärbt hielten. Als typische Begleitminerale wurden von Beginn an Tinaksit, Canasit, Mikroklin und schwarzer Ägirin beschrieben.

Häufige Fragen

Bei welcher Temperatur bildet sich Charoit?
Die Bildung wird auf etwa 200 bis 250 Grad Celsius eingegrenzt. Das ist für ein Silikat eine niedrige Temperatur und liegt im Bereich hydrothermaler bis metasomatischer Prozesse, nicht im Bereich magmatischer Kristallisation. Die heißen alkalischen Lösungen stammten aus dem eindringenden Syenit und haben den umgebenden Kalkstein in einen Kalifeldspat-Metasomatit umgewandelt. Die niedrige Bildungstemperatur passt zum Wassergehalt der Struktur: Charoit enthält Kristallwasser und Hydroxidgruppen, die bei höheren Temperaturen nicht stabil wären. Genau das macht ihn später beim Löten und bei der Dampfreinigung empfindlich.
Warum bildet Charoit keine freien Kristalle?
Die Kristallstruktur besteht aus gewellten Silikatbändern, die stark in eine Richtung wachsen. Daraus entstehen sehr feine, lange Fasern statt kompakter Kristallkörper. Im Bildungsraum wuchsen unzählige solcher Fasern gleichzeitig und aus verschiedenen Richtungen, sodass sie sich gegenseitig behinderten und zu einem dicht verfilzten Aggregat verwuchsen. Dieses Verfilzen erzeugt die typischen Wirbel und Garben. Ein einzelner, freistehender, messbarer Charoitkristall ist bislang nicht beschrieben worden. Für die Bestimmung bedeutet das: Wer Ihnen einen klar abgegrenzten violetten Einzelkristall als Charoit anbietet, irrt sich oder täuscht.
Welche Minerale begleiten Charoit typischerweise?
Am häufigsten sind schwarzer Ägirin, ein Natrium-Eisen-Pyroxen, der in Nadeln und Flecken auftritt, sowie graugrüner Mikroklin, der ganze Felder bilden kann. Auffällig und begehrt ist Tinaksit, der als orangegelbe bis honigfarbene Stäbchen im Violett liegt. Dazu kommen weißer bis farbloser Canasit, Frankamenit und verschiedene Karbonate. Diese Paragenese ist gemmologisch wertvoll, weil sie praktisch nicht zu fälschen ist. Ein Handstück, das neben dem violetten Fasergefüge orangefarbene Tinaksitnadeln und schwarze Ägirinflecken zeigt, ist mit hoher Sicherheit echtes Material aus dem Murun-Massiv.