Die Spaltbarkeit bestimmt jeden Arbeitsschritt
Calcit gilt unter Schleifern als eines der schwierigsten Materialien überhaupt. Der Grund ist nicht die Härte, sondern die vollkommene Spaltbarkeit nach drei Rhomboederflächen. Jede dieser Ebenen ist eine Sollbruchstelle, und sie liegen so ungünstig zueinander, dass kaum eine Facettenlage ohne Konflikt auskommt. Schon der Druck des Dopps, die Wärme beim Aufkitten und die Vibration der Schleifscheibe können ein Stück entlang einer Spaltfläche auseinanderspringen lassen. Fachleute berichten, dass Rohstücke während des Schleifens regelmäßig zerfallen und die fertigen Steine deshalb deutlich kleiner ausfallen als geplant. Praktisch heißt das: mit kaltem Kitt oder mechanischer Halterung arbeiten, niedrige Drehzahlen wählen, reichlich Wasser zur Kühlung verwenden und jeden seitlichen Druck vermeiden. Beim Sägen wird nicht quer zu einer Spaltrichtung geschnitten, sondern möglichst flach dazu. Für die Vorform eignen sich feine Diamantscheiben besser als grobe Siliciumcarbid-Töpfe, weil sie weniger Schlag erzeugen. Wer Calcit zum ersten Mal bearbeitet, sollte mit Cabochons beginnen und erst danach Facetten versuchen.
Welche Schliffe sich eignen
Der größte Teil des Calcits wird gar nicht facettiert. Orangen- und Honigcalcit gehen als Trommelstein, Handschmeichler, Kugel oder Scheibe in den Handel, Manganocalcit und gebänderte Ware als Cabochon, Onyxmarmor als Schale, Lampe oder Skulptur. Wo facettiert wird, dominieren Stufen- und Smaragdschliffe. Sie kommen mit wenigen großen Facetten aus, verlangen weniger Kantenarbeit und lassen sich an der Spaltbarkeit besser vorbeiplanen als Brillant- oder Fantasieschliffe mit vielen kleinen Flächen. Übliche Fertiggrößen liegen zwischen 5 und 25 Karat, weil kleinere Steine den Aufwand nicht lohnen und größere zu oft misslingen; facettierte Calcite über 50 Karat sind ausgesprochen selten. Kobaltocalcit bleibt wegen seiner drusigen Ausbildung meist bei 1 bis 5 Karat. Die Ausbeute ist schwer zu kalkulieren: Aus einem scheinbar makellosen Rohstück bleibt nach dem Auftrennen entlang verborgener Spaltrisse oft nur ein Bruchteil übrig. Rechnen Sie bei Calcit mit deutlich schlechteren Ausbeuten als bei Quarz oder Beryll.
Doppelbrechung, Orientierung und Politur
Die Doppelbrechung von 0,172 ist am fertigen Stein unübersehbar. Blicken Sie durch die Tafel, erscheinen sämtliche Hinterfacettenkanten doppelt, und der Stein wirkt unscharf. Das ist kein Schleiffehler, sondern eine Materialeigenschaft. Abmildern lässt sie sich nur, indem die Tafel senkrecht zur optischen Achse orientiert wird; dann blickt man entlang der einzigen Richtung, in der keine Aufspaltung stattfindet. Bei verzwillingten Kristallen steigert sich der Effekt noch: Der Strahl wird an jeder Zwillingsebene erneut geteilt, sodass aus einem einfallenden Strahl vier austretende werden. Ein 1156 Karat schwerer Stein aus einem Zwillingskristall, den die GIA-Zeitschrift Gems and Gemology 1984 vorstellte, zeigt genau dieses kaleidoskopartige Bild. Beim Polieren ist Zurückhaltung gefragt. Calcit reagiert empfindlich auf Wärme und auf jedes saure Poliermittel. Bewährt haben sich Zinnoxid oder Ceroxid auf Leder oder Zinnlap bei geringem Druck und guter Nässe. Ein zu heiß gelaufener Lap hinterlässt matte Zonen, die nur durch erneutes Vorpolieren zu beseitigen sind.
