Kristallisation aus calciumreicher Schmelze
Bytownit entsteht früh. In einer abkühlenden basaltischen oder gabbroiden Schmelze kristallisieren die Plagioklase nach der Bowenschen Reaktionsreihe von calciumreich nach natriumreich: Was zuerst ausfällt, ist anorthitnah, was am Ende übrig bleibt, ist albitnah. Bytownit mit seinen 70 bis 90 Prozent Anorthit-Anteil gehört damit zu den früh gebildeten Feldspäten. Sie finden ihn als gesteinsbildendes Mineral in mafischen Magmatiten, vor allem in Gabbros und Anorthositen, sowie als Einsprengling, also als Phänokristall, in mafischen Vulkaniten. Genau diese Einsprenglinge sind für den Schleifer interessant: Sie wachsen in einer zähen Grundmasse frei aus und erreichen dabei Größen und eine Klarheit, die das feinkörnige Gestein selbst nie hergibt. Verwittert der umgebende Basalt, bleiben die Kristalle als lose, transportfähige Körner zurück. Begleitminerale sind neben den übrigen Gemengteilen der Muttergesteine unter anderem Quarz, Muskovit, Biotit und Hornblende. Auch metamorphe Bildungen und magmatische Gänge sind als Bytownit-Milieu dokumentiert.
Warum die Mischkristallreihe die Kennzahlen wandern lässt
Plagioklase bilden eine lückenlose Mischkristallreihe, und das hat eine unmittelbare Folge für jede Kennzahl, die Sie im Labor messen. Der Austausch läuft gekoppelt ab: Wo im Gitter ein Natriumion und ein Siliciumion sitzen, treten ein Calciumion und ein Aluminiumion an ihre Stelle. Die Ladungsbilanz bleibt dabei ausgeglichen, weil das zweifach geladene Calcium gegen einfach geladenes Natrium und das dreifach geladene Aluminium gegen vierfach geladenes Silicium getauscht wird. Calcium ist jedoch erheblich schwerer als Natrium, und das Gerüst packt sich enger. Über die ganze Reihe steigt die Dichte deshalb von 2,62 beim reinen Albit auf 2,76 beim reinen Anorthit, und zwar um rund 0,02 je zehn Prozent mehr Anorthit-Anteil. Der Brechungsindex folgt derselben Logik und wächst von etwa 1,53 auf 1,58. Bytownit hat also keine feste Kennzahl, sondern erbt ein Stück dieser Kurve: Dichte 2,72 bis 2,75, Brechungsindex 1,563 bis 1,583.
Erstbeschreibung 1836 und die Typlokalität Bytown
Der Name führt an einen Ort, den es unter diesem Namen nicht mehr gibt. Thomas Thomson beschrieb das Mineral 1836 und benannte es nach einem Vorkommen bei Bytown in Kanada. Die Siedlung war nach Oberstleutnant John By benannt, dem Erbauer des Rideau-Kanals; 1855 wurde sie in Ottawa umbenannt und ist heute die kanadische Hauptstadt. Wer also nach der Typlokalität des Bytownits sucht, sucht im Stadtgebiet von Ottawa. Für den Schmuckhandel ist das eine rein historische Notiz: Von der Typlokalität stammt kein facettierfähiges Material, und auch die weiteren kanadischen Vorkommen wie der Shawmere-Anorthosit oder der Yamaska Mountain liefern gesteinsbildenden, nicht schleifwürdigen Bytownit. Die Erstbeschreibung fällt in die Phase, in der die Plagioklas-Reihe überhaupt erst als Reihe erkannt wurde — die heutige Definition über den Anorthit-Anteil von 70 bis 90 Prozent ist deutlich jünger als der Name selbst.
