Marmor, Skarn und die Rolle des Salzes
Skapolith entsteht überall dort, wo Calcium, Aluminium und Silizium gemeinsam mit Chlorid, Carbonat oder Sulfat in ein metamorphes System geraten. Das klassische Milieu sind kristalline Marmore und Kalksilikatgesteine, in denen Skapolith neben Calcit, Diopsid, Phlogopit, Titanit und Apatit wächst. Ein zweites wichtiges Milieu sind Skarne im Kontaktbereich von Intrusionen zu Karbonatgesteinen, wo er zusammen mit Granat, Vesuvianit und Epidot auftritt. Besonders aufschlussreich ist der dritte Weg: die Skapolithisierung. Dringen chloridreiche Lösungen in Gabbros oder Diorite ein, verdrängen sie den Plagioklas und ersetzen ihn durch Skapolith. Weil Chlorid dabei ins Gitter eingebaut wird, gilt marialithreicher Skapolith als Anzeiger für salinare Fluide — Lösungen, die aus eingedampften Meerwasserablagerungen stammen können. Auch in Pegmatiten und in vulkanischen Auswürflingen kommt Skapolith vor. Diese Vielfalt der Bildungswege erklärt die weltweit breite Verbreitung des Minerals.
Ein Gerüstsilikat, das Anionen speichert
Skapolith gehört zu den Gerüstsilikaten und ist strukturell mit den Feldspäten verwandt. Aluminium- und Siliziumtetraeder bilden ein dreidimensionales Netzwerk mit großen Kanälen, in denen Natrium- oder Calciumionen sitzen. Die Besonderheit liegt in einer zusätzlichen Position: Dort finden Chlorid, Carbonat oder Sulfat Platz. Genau diese Anionenposition definiert die Endglieder. Marialith trägt Chlorid und Natrium, Meionit Carbonat und Calcium, das seltenere Silvialit Sulfat. Da Natrium einfach und Calcium zweifach geladen ist, muss der Ladungsausgleich über das Aluminium-Silizium-Verhältnis erfolgen — deshalb wandert es von Al3Si9 im Marialith zu Al6Si6 im Meionit. Für den Gemmologen bedeutet das ganz praktisch, dass Dichte und Brechungsindex direkt mit dem Calciumgehalt steigen. Aus zwei einfachen Messungen lässt sich die Stellung in der Reihe grob ableiten. Eine Dichtebestimmung in schwerer Flüssigkeit genügt dafür bereits.
Drei Namen aus drei Jahrhunderten
Die Namensgeschichte ist verwickelt, weil Gruppe und Endglieder getrennt beschrieben wurden. Den Gruppennamen Skapolith führte 1800 José Bonifácio de Andrada e Silva ein; er verweist über griechisch skapos für Stab und lithos für Stein auf die langgestreckten, säuligen Kristalle. Ein Jahr später, 1801, beschrieb René Just Haüy Meionit an Auswürflingen vom Monte Somma am Vesuv und leitete den Namen von griechisch meion für weniger ab, weil die Pyramidenflächen weniger steil sind als beim dort ebenfalls vorkommenden Vesuvianit. Das natriumreiche Endglied folgte erst 1866: Gerhard vom Rath benannte Marialith nach seiner Frau Maria Rosa vom Rath. Daneben kursieren ältere Sammelnamen wie Wernerit, das zu Ehren von Abraham Gottlob Werner vergeben wurde, sowie die Pyrenäen-Bezeichnungen Dipyr und Couzeranit. Keiner dieser älteren Namen ist heute gültig, auf historischen Etiketten begegnen sie Ihnen aber regelmäßig.
