Warum fast ausschließlich Cabochons entstehen
Die Schliffwahl beim Tugtupit ist keine Geschmacksfrage, sondern eine Folge des Materials. Die englische Wikipedia gibt die Transparenz mit durchscheinend bis undurchsichtig an; die International Gem Society hält fest, dass facettiertes Material außerordentlich selten ist und die übliche Größe geschliffener Steine bei 1 bis 2 Karat liegt. Bei einem opaken bis schwach durchscheinenden Stein bringt eine Facettierung optisch nichts: Es gibt keine nennenswerte Lichtrückführung, weil das Licht im Inneren gestreut und nicht reflektiert wird. Dazu kommt der niedrige Brechungsindex von 1,496 bis 1,502, der selbst bei klarem Material nur ein mattes Feuer ergäbe. Der Cabochon ist deshalb die richtige Form: Er zeigt die Farbfläche, führt die Matrixzeichnung als Muster vor und verzichtet auf empfindliche Facettenkanten. Ausnahmen bestätigen die Regel — der oben genannte facettierte Stein von 2,99 Karat kostet je Karat etwa das Vierfache eines Cabochons.
Hitze ist der eigentliche Gegner am Schleifbock
Belegt ist, dass Wärme die Tenebreszenz zerstört: Die Fluorescent Mineral Society berichtet von grönländischem Hackmanit, der nach zehn Minuten bei rund 260 Grad Celsius vollständig entfärbt war und seine Fähigkeit zur Tenebreszenz endgültig verloren hatte; die RSC-Arbeit beziffert die thermische Bleichenergie eines untersuchten Photochromzentrums auf 0,39 Elektronenvolt und macht damit deutlich, wie flach die Elektronenfalle ist. Für die Werkstatt folgt daraus eine klare Regel, auch wenn sie so in keiner Laborarbeit steht: Schleifen und polieren Sie nass, mit reichlich Wasser, ohne Anpressdruck und ohne den Stein zwischendurch trockenlaufen zu lassen. Lokale Reibungswärme an einer dünnen Kante erreicht sonst schnell Temperaturen, bei denen der Effekt Schaden nimmt. Gleiches gilt für das Aufkitten: Arbeiten Sie kalt, mit Klebstoffen, die ohne Erwärmen abbinden und sich ohne Wärme wieder lösen lassen.
Ausbeute, Matrixadern und die offene Frage der Spaltbarkeit
Die Ausbeute aus Rohstücken ist gering, weil Tugtupit in Adern und unregelmäßigen Partien in hellem Wirtsgestein sitzt. Ein Anbieter beschreibt sein grönländisches Material als unregelmäßige Einlagerungen in weißen Albitadern innerhalb von grüngrauem Lujavrit. Der Schleifer muss daher entscheiden, ob er auf größtmögliche geschlossene Farbfläche orientiert oder die Zeichnung bewusst als Muster stehen lässt. Beides ist marktgängig; große Stücke mit sichtbarer Matrix erzielen, wie die Preise zeigen, niedrigere Karatpreise als kleine, geschlossene. Heikel bleibt die Spaltbarkeit: Die englische Wikipedia gibt „keine“ an, die International Gem Society und steine-und-minerale.de nennen eine deutliche Spaltbarkeit. Solange dieser Widerspruch nicht aufgelöst ist, sollten Sie das Material als spaltbar behandeln, also mit dünner Trennscheibe, geringem Vorschub und ohne seitlichen Druck arbeiten und den Cabochon mit ausreichend dicker Basis stehen lassen.
