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Das Edelstein-Lexikon

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Tugtupit Lexikon · Entstehung & Mineralogie

Tugtupit – Entstehung & Mineralogie

Tugtupit

Der Ilímaussaq-Komplex: eine agpaitische Restschmelze aus dem Mesoproterozoikum

Tugtupit entsteht dort, wo eine Alkalischmelze bis zum letzten Rest auskristallisiert. Der Ilímaussaq-Komplex in Südgrönland gehört zur mesoproterozoischen Gardar-Provinz. GEUS gibt ein Alter von 1143 plus minus 21 Millionen Jahren an und nennt neuere Messungen um 1160 Millionen Jahre; die Übersichtsarbeit im Geology of Greenland Survey Bulletin nennt 1160 plus minus 5 Millionen Jahre und eine Platznahme in 3 bis 4 Kilometern Tiefe, an der Grenze zwischen ketilidischem Grundgebirge und der Eriksfjord-Formation. Der Körper misst 17 mal 8 Kilometer und ist über rund 1700 Höhenmeter aufgeschlossen. Drei Intrusionsphasen folgten aufeinander: Augitsyenit, alkalisch-saure Gesteine und schließlich die agpaitischen Nephelinsyenite, die den größten Teil ausmachen. Deren Hauptvarietäten sind Naujait mit großen poikilitischen Sodalithkristallen, der lagige Kakortokit, feinkörniger Lujavrit und Sodalith-Foyait. Typomorphes Mineral der agpaitischen Gesteine ist der Eudialyt.

Ussingit-Adern, Chkalovit und der Einbau von Beryllium

Tugtupit ist kein Gesteinsbildner, sondern ein Kind der allerletzten, wasserreichen Restlösungen. Das Bulletin der Geologischen Untersuchung von Dänemark und Grönland beschreibt Pegmatite und hydrothermale Gänge mit Steenstrupin, Pyrochlor sowie Beryllium- und Kupfermineralen; die Ussingit-Adern sind ausdrücklich reich an Chkalovit und weiteren Berylliummineralen. In diesem Milieu steht genug Beryllium zur Verfügung, um im Sodalith-Gerüst einen Teil des Aluminiums zu ersetzen. Genau diese Substitution senkt die Symmetrie von kubisch auf tetragonal. steine-und-minerale.de nennt als Paragenese unter anderem Albit, Analcim, Ägirin, Arfvedsonit, Natrolith, Neptunit, Polylithionit, Sodalith und Ussingit — und erklärt damit zugleich, warum fast jeder Tugtupit helle Adern und Schlieren trägt. Analcim und Natrolith treten laut GEUS in den meisten Gesteinen des Komplexes als Sekundärminerale auf. Die Entstehung wird als magmatisch mit hydrothermaler Überprägung in Syenit und Pegmatit beschrieben.

Zwischen 1957 und 1962: eine Erstbeschreibung mit Unschärfen

Wer die Entdeckungsgeschichte zitieren will, sollte die Widersprüche kennen, statt sie zu glätten. Die englische Wikipedia datiert die Beschreibung auf 1962. steine-und-minerale.de nennt 1957 als Jahr der Entdeckung und 1960 als Jahr der Beschreibung durch Henning Sørensen und Jewgeni Iwanowitsch Semenow. Der auf grönländische Minerale spezialisierte Händler MinerShop nennt ebenfalls 1957 und den Fundort nahe der Stadt Narsaq. Die Gemmologieseite Skyjems schreibt die formale Beschreibung als neue Mineralart dagegen K. A. Jensen im Jahr 1962 zu. Gesichert ist damit nur der Rahmen: Fund in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre, Anerkennung als eigenständige Art um 1960 bis 1962. Der Name folgt der Typlokalität Tugtup agtakôrfia. Das grönländische „tuttu“ heißt Rentier; die englische Wikipedia übersetzt den Namen als „Rentierblut“, steine-und-minerale.de als „Rentierstein“ mit Bezug auf Geweihschüppchen.

Häufige Fragen

In welchem Gestein steckt Tugtupit?
In den agpaitischen Nephelinsyeniten des Ilímaussaq-Komplexes, vor allem in Pegmatiten und hydrothermalen Adern. Das GEUS-Bulletin hebt Ussingit-Adern hervor, die reich an Chkalovit und weiteren Berylliummineralen sind. Ein deutscher Anbieter beschreibt sein Material als unregelmäßige Partien in weißen Albitadern innerhalb von grüngrauem Lujavrit.
Warum ist Tugtupit tetragonal, Sodalith aber kubisch?
Weil im Tugtupit ein Teil des Aluminiums durch Beryllium ersetzt ist. Die geordnete Verteilung der unterschiedlichen Kationen im Gerüst senkt die Symmetrie; die englische Wikipedia gibt die Raumgruppe I4 an. Die Zelle bleibt dabei pseudokubisch, die Verwandtschaft zum Sodalith ist also strukturell weiterhin klar erkennbar.
Wie viele Minerale kommen im Ilímaussaq-Komplex vor?
GEUS nennt rund 220 Minerale. 27 davon wurden hier erstmals beschrieben, neun sind bislang von keinem anderen Ort bekannt. Tugtupit gehört zu den dort erstbeschriebenen Arten. Diese Konzentration seltener Phasen ist die Folge der extrem alkalischen, an Zirkonium, Beryllium und Seltenen Erden angereicherten Restschmelze.