Tugtupit ist ein berylliumhaltiges Natrium-Silikat der Sodalithgruppe aus Südgrönland, das seine Farbe nicht fest besitzt, sondern sich unter Sonne und UV himbeer- bis karminrot auflädt und im Dunkeln wieder zu Weiß oder Blassrosa ausbleicht. Dieser reversible Effekt heißt Tenebreszenz und macht den Stein zum vielleicht lebendigsten Schmuckstein überhaupt — und zugleich zu einem, den ein einzelnes Foto fast nie richtig zeigt.
Tugtupit – die Kennzahlen
| Eigenschaft | Wert |
|---|---|
| Mineralklasse | Silikat der Sodalithgruppe, ein Gerüstsilikat mit zusätzlichen Anionen im Käfig. Die englische Wikipedia führt Tugtupit als eigenständige Mineralart mit tetragonaler Symmetrie; steine-und-minerale.de ordnet ihn der „Sodalith-Reihe“ zu. Es handelt sich nicht um eine Varietät des Sodaliths, sondern um das berylliumhaltige Glied der Gruppe. |
| Chemische Formel | Na4(AlBeSi4O12)Cl nach englischer Wikipedia, gleichwertig geschrieben Na4[Cl|BeAlSi4O12] bei steine-und-minerale.de. Die Arbeit von Sidike und Kollegen (Physics and Chemistry of Minerals, 2011) schreibt das natürliche Material als Na8[Be2Al2Si8O24](Cl,S)2−δ und macht damit sichtbar, dass Schwefel anstelle von Chlor im Käfig sitzt. Genau dieser Schwefel trägt die Tenebreszenz. |
| Kristallsystem | Tetragonal, Raumgruppe I4 (englische Wikipedia). Die Symmetrie liegt damit unter der kubischen des Sodaliths; die Zelle ist pseudokubisch. Gut ausgebildete Einzelkristalle sind ausgesprochen selten, gehandelt wird fast ausschließlich derbes, adriges Material in heller Matrix. |
| Mohs-Härte | Die Quellen widersprechen sich deutlich. Die englische Wikipedia nennt 4, die International Gem Society 4 bis 6,5, steine-und-minerale.de 5,5 bis 6, gem5.com sogar 6. Für die Werkstatt- und Trageplanung sollten Sie mit dem niedrigsten belegten Wert rechnen, also mit 4. Dass ausgerechnet dieser Kennwert so streut, ist bei einem derben, matrixdurchzogenen Material erwartbar: gemessen wird oft die Begleitmatrix mit. |
| Dichte | 2,36 g/cm³ nach englischer Wikipedia, 2,36 bis 2,37 g/cm³ nach steine-und-minerale.de, 2,4 nach gem5.com. Die International Gem Society gibt die weite Spanne 2,11 bis 2,57 an, die matrixreiches und poröses Material einschließt. Tugtupit ist damit ein ausgesprochen leichter Stein; ein großer Cabochon wiegt weniger, als seine Maße vermuten lassen. |
| Brechungsindex | 1,496 bis 1,502 (englische Wikipedia und International Gem Society); gem5.com rundet auf 1,49 bis 1,50. Der Wert ist am polierten Cabochon mit der Schattengrenze am Refraktometer gut zugänglich und liegt so niedrig, dass er zusammen mit der geringen Dichte eine belastbare Bestimmungsgrundlage ergibt. |
| Doppelbrechung | 0,006 nach englischer Wikipedia, 0,006 bis 0,008 nach International Gem Society. Der optische Charakter wird von der IGS als einachsig positiv oder negativ angegeben, teilweise anomal zweiachsig. Der Pleochroismus ist nach Wikipedia ein mäßiger Dichroismus purpurrot bis orangerot, nach IGS und gem5.com dagegen kräftig bläulichrot bis orangerot. |
| Glanz | Glasartig bis fettig (englische Wikipedia: „vitreous, greasy“; steine-und-minerale.de: glasartig). Poliertes Material erreicht einen ruhigen Glasglanz, frische Bruchflächen wirken eher fettig. Die Strichfarbe ist weiß. |
| Spaltbarkeit | Auch hier widersprechen sich die Quellen. Die englische Wikipedia gibt „keine“ an, die International Gem Society und steine-und-minerale.de nennen eine deutliche Spaltbarkeit. Die IGS leitet daraus ausdrücklich die Empfehlung einer schützenden Fassung ab. Behandeln Sie das Material im Zweifel als spaltbar. |
| Bruch | Muschelig bis uneben (englische Wikipedia: „conchoidal, uneven“; steine-und-minerale.de: uneben bis muschelig). Kanten sind heikel, weil der Bruch bevorzugt an den Grenzflächen zur hellen Matrix ansetzt. |
| Transparenz | Durchscheinend bis undurchsichtig (englische Wikipedia). gem5.com nennt durchsichtig bis durchscheinend, steine-und-minerale.de durchscheinend bis undurchsichtig. Facettierfähiges, klares Material ist nach Angaben der International Gem Society außerordentlich selten; die übliche Größe geschliffener Steine liegt bei 1 bis 2 Karat. |
| Farben | Im entladenen Zustand weiß bis blassrosa, aufgeladen rosa, himbeerrot bis karminrot. steine-und-minerale.de nennt außerdem rosaviolett, grün und bläulich, gem5.com zusätzlich „light cyclamen“ und rosenrot. Die weiße Zeichnung im Stein ist in der Regel keine Tugtupitfarbe, sondern Matrix: Analcim und Natrolith treten nach Angaben der Geologischen Untersuchung von Dänemark und Grönland (GEUS) in den meisten Gesteinen des Komplexes als Sekundärminerale auf, dazu Albit. |
| Wichtigste Fundorte | Typlokalität ist Tugtup agtakôrfia im Ilímaussaq-Komplex in Südwest-Grönland (englische Wikipedia). Weiteres Material stammt vom Kvanefjeld-Plateau und vom Taseq-Hang bei Narsaq (GEUS; International Gem Society), aus dem Lovozero-Massiv auf der Kola-Halbinsel, aus Mont Saint-Hilaire in Québec sowie aus Flüssen der Region Bardia bis Dang in Nepal (englische Wikipedia). Nach Angaben des Fachhändlers MinerShop ist ausschließlich grönländisches Material tief gefärbt und edelsteinwürdig. |
| Behandlungen | Keine üblichen. Die International Gem Society nennt keine handelsüblichen Behandlungen und führt an, dass synthetische Analoga nur für wissenschaftliche Zwecke existieren und nicht im Schmuck verwendet werden. Angebotene Steine werden von Händlern regelmäßig ausdrücklich als „untreated“ ausgewiesen (Gemgazer). Wichtig ist eine andere Unterscheidung: Das Aufhellen und Nachdunkeln ist keine Behandlung, sondern die natürliche Tenebreszenz. |
| Erstbeschreibung | Die Quellenlage ist uneinheitlich und das sollte man wissen, bevor man eine Jahreszahl zitiert. Die englische Wikipedia nennt 1962. steine-und-minerale.de schreibt: 1957 entdeckt, 1960 von Henning Sørensen und Jewgeni Iwanowitsch Semenow beschrieben. Der Händler MinerShop datiert die Entdeckung ebenfalls auf 1957, nahe der Stadt Narsaq. Die Gemmologieseite Skyjems nennt als Erstbeschreiber K. A. Jensen mit dem Jahr 1962. Gesichert ist nur die Spanne: Fund in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre, formale Anerkennung um 1960 bis 1962. Der Name folgt der Typlokalität; „tuttu“ heißt auf Grönländisch Rentier, gedeutet wird der Name als „Rentierblut“ (englische Wikipedia) oder als „Rentierstein“ (steine-und-minerale.de). |
Ein Stein, der seine Farbe nur geliehen hat
Die meisten Edelsteine haben ihre Farbe ein für alle Mal. Tugtupit hat sie nur auf Zeit. Liegt ein Stein wochenlang in der Schublade, blasst er zu Weiß oder zartem Rosa aus. Legen Sie ihn eine halbe Stunde in die Sonne oder unter eine UV-Lampe, kehrt ein sattes Himbeer- bis Karminrot zurück. Dieser Vorgang heißt Tenebreszenz, ist beliebig oft wiederholbar und beruht nicht auf einem Farbstoff, sondern auf einem Elektron, das zwischen zwei Plätzen im Kristall hin- und herwandert. Die Fluorescent Mineral Society beschreibt dabei einen für Tugtupit charakteristischen Unterschied zum verwandten Hackmanit: Während Hackmanit im Sonnenlicht meist verblasst, dunkelt Tugtupit unter Sonne nach und verliert die Farbe im normalen Raumlicht nur sehr langsam. Für den Handel heißt das: Ein Tugtupit kann bei Lieferung deutlich blasser aussehen als auf dem Produktfoto, ohne dass irgendetwas mit ihm nicht stimmt.
Sodalith-Gerüst mit Beryllium statt eines Teils des Aluminiums
Mineralogisch gehört Tugtupit zur Sodalithgruppe, also zu den Gerüstsilikaten, deren Käfige zusätzliche Anionen aufnehmen. Die englische Wikipedia gibt die Formel Na4(AlBeSi4O12)Cl an, tetragonal in der Raumgruppe I4. Gegenüber dem kubischen Sodalith ist ein Teil des Aluminiums durch Beryllium ersetzt, und diese Substitution senkt die Symmetrie. Im Käfig sitzt Chlor, teilweise ersetzt durch Schwefel — die Arbeitsgruppe um Sidike schreibt das natürliche Material deshalb als Na8[Be2Al2Si8O24](Cl,S)2−δ. Die Kennwerte sind für einen Schmuckstein ungewöhnlich niedrig: Brechungsindex 1,496 bis 1,502, Doppelbrechung 0,006, Dichte um 2,36 g/cm³. Bei der Härte gehen die Angaben auseinander, von 4 bei Wikipedia bis 6 bei gem5.com; rechnen Sie mit 4. Gehandelt wird fast ausschließlich derbes bis adriges Material in heller Matrix, klar durchsichtige Partien bleiben die Ausnahme.
Südgrönland ist praktisch die einzige ernsthafte Quelle
Tugtupit stammt aus dem Ilímaussaq-Komplex bei Narsaq in Südgrönland, einer rund 1160 Millionen Jahre alten Alkaligesteins-Intrusion der Gardar-Provinz. GEUS beziffert den Komplex auf 17 mal 8 Kilometer, etwa 136 Quadratkilometer, mit rund 220 dort nachgewiesenen Mineralen, von denen 27 hier erstmals beschrieben wurden und neun nur hier vorkommen. Tugtupit ist eines davon. Weitere Vorkommen im Lovozero-Massiv auf der Kola-Halbinsel, in Mont Saint-Hilaire in Québec und in Flüssen Nepals liefern nach Angaben des Fachhändlers MinerShop kein tief gefärbtes, schmuckwürdiges Material. Erschwerend kommt hinzu, dass die klassische Tugtupit-Stelle am südwestlichen Kvanefjeld-Plateau laut GEUS durch Sammeltätigkeit erschöpft und zerstört ist. Wer heute kauft, kauft in aller Regel aus älteren Beständen oder aus kleinen, lizenzierten Entnahmen. Verstärkt wird die Lage durch die Rechtslage vor Ort: Lizenzfreies Sammeln ist laut grönländischer Rohstoffbehörde ausschließlich Personen mit Wohnsitz in Grönland erlaubt, und auch ihnen nur bis zu einem Warenwert von 100.000 dänischen Kronen im Jahr.
Was Tugtupit im Handel tatsächlich kostet
Die Preise streuen stark, weil Farbtiefe und Matrixanteil weit auseinanderliegen. Ein deutscher Sammlersteinhändler verlangt für einen sehr großen, himbeerrosa Tropfen-Cabochon von 33,50 Karat aus Ilímaussaq 200 Euro, also knapp 6 Euro je Karat. Der britische Spezialhändler Gemgazer ruft für kleinere, kräftig gefärbte Cabochons aus Narsaq 90 bis 115 Pfund je Stein auf, bei 5,82 bis 8,34 Karat — das entspricht etwa 13 bis 20 Pfund je Karat. Für einen facettierten, durchscheinenden Stein von 2,99 Karat verlangt derselbe Händler 180 Pfund, also rund 60 Pfund je Karat. Ein großes, ungeschliffenes Sammlerstück aus Grönland stand bei einem deutschen Anbieter mit 775 Euro im Netz. Die Spanne von etwa 6 Euro bis über 60 Pfund je Karat spiegelt genau das, was den Preis treibt: Farbe, Reinheit und Schliffform.
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Kurz gefasst
Tugtupit ist kein Stein für den Alltagsring, sondern ein Sammler- und Liebhaberstein mit einer Eigenschaft, die kein anderer gängiger Schmuckstein bietet. Kaufen Sie ihn als Anhänger oder Ohrschmuck in Zargenfassung, achten Sie auf grönländische Herkunft mit belegtem Fundort und auf ein Foto im entladenen Zustand. Für große, matrixreiche Cabochons sind rund 6 Euro je Karat realistisch, für kleine, tief karminrote Stücke etwa das Zwei- bis Vierfache. Facettiertes Material über zwei Karat ist selten und kostet entsprechend.
Die mineralogischen Kennzahlen dieses Clusters wurden gegen mineralogische Fachquellen und Laborberichte abgeglichen; Preisangaben sind Handelsspannen und keine verbindlichen Notierungen.
Über dieses Lexikon
Die Angaben zu Tugtupit stammen aus dem Lexikon von Edelsteine-24 – Direktimport seit 2002 mit eigenem gemmologischem Labor. Die Inhalte richten sich an Käufer, Sammler und alle, die den Stein fachlich einordnen möchten.
