Kaum ein Edelstein hat in so vielen Kulturen und über so viele Jahrhunderte eine klare, eigenständige Bedeutung gehabt wie Onyx. Von den Werkzeugmachern der Steinzeit über ägyptische Grabkammern und römische Kaiserhöfe bis zur viktorianischen Trauerkultur und der modernen Schmuckgestaltung – Onyx ist ein Stein, dessen Geschichte die Menschheitsgeschichte spiegelt.
Der Name: Herkunft und Bedeutung
Das Wort Onyx stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet Nagel oder Kralle. Die Erklärung für diese ungewöhnliche Bezeichnung liefert eine mythologische Überlieferung: Der Legende nach soll Amor (Eros) mit einem Pfeil die Fingernägel der schlafenden Göttin Aphrodite (Venus) abgeschnitten haben. Die abgefallenen Nagelstücke verwandelten die Parzen – die Schicksalsgöttinnen – in Stein, damit kein Teil der Göttin verloren gehe. Dieser Stein wurde Onyx genannt.
Im ursprünglichen griechischen Sprachgebrauch bezeichnete onyx allerdings nicht nur den schwarzen Stein, sondern jede gebänderte Chalcedon-Varietät – also auch Sardonyx, Chalcedonyx und ähnliche Steine. Die Einengung auf den schwarzen Onyx ist eine spätere, vor allem handelsgeschichtlich bedingte Entwicklung.
Onyx in der Geschichte – eine Zeitlinie
Onyx in Lapidaren und Überlieferungen
Mittelalterliche Lapidarien – Steinbücher, die Eigenschaften und Wirkungen von Edelsteinen beschrieben – berichten über Onyx widersprüchlich. Hildegard von Bingen beschreibt ihn als einen Stein mit starker, aber zweischneidiger Energie: Er solle den Geist klären und bei inneren Konflikten helfen, aber bei unsachgemäßem Umgang Melancholie und Ängste verstärken können. Andere mittelalterliche Quellen schreiben ihm Schutzwirkung gegen Dämonen und bösen Blick zu.
In arabischen und persischen Überlieferungen gilt Onyx als ein Stein, der Mut und Entschlossenheit stärkt. Arabische Kaufleute trugen Onyx-Siegelringe als Zeichen von Verlässlichkeit und Kaufmannsehre. In der indischen Überlieferung ist Onyx ein Stein des Saturn (Shani) und wird mit Disziplin, Beharrlichkeit und Schutz vor negativen Einflüssen assoziiert.
Onyx in der Bibel
Onyx wird im Alten Testament mehrfach erwähnt. Im zweiten Buch Mose wird er als einer der zwölf Steine im Brustschild des Hohenpriesters genannt. Im Buch Genesis wird Onyx als ein der Kostbarkeiten des Landes Hawila aufgeführt. Die genaue Übersetzung der hebräischen Begriffe ist unter Gelehrten umstritten – manchmal wird auch Beryll oder Sardonyx für denselben Stein angenommen –, doch die Bedeutung des Steins als etwas Wertvolles und Besonderes ist in allen Versionen klar.
Onyx heute
Im 21. Jahrhundert ist Onyx von seiner Rolle als Trauerstein weitgehend befreit. Er steht heute für zeitlose Eleganz, Stärke und Zurückhaltung – Eigenschaften, die ihn besonders im Herrenschmuck und im minimalistischen Design beliebt machen. Gleichzeitig ist er durch seinen vergleichsweise niedrigen Preis eines der zugänglichsten Schmucksteine überhaupt, was ihm eine breite, stilübergreifende Verwendung sichert.
Fazit
Onyx ist ein Stein mit einer außergewöhnlich reichen Geschichte – von mesopotamischen Amuletten über römische Kaisercameen bis zum viktorianischen Trauerring und dem Art-Déco-Armband. Keine andere Bedeutungsebene dominiert heute mehr; was bleibt, ist ein Stein, der durch Qualität, Beständigkeit und klare Ästhetik für sich selbst spricht – und dabei auf eine jahrtausendealte Tradition zurückblicken kann.