Gemmologisches Nachschlagewerk

Das Edelstein-Lexikon

Von Achat bis Zirkonia – 174 Edelsteine mit Bildern, gemmologischen Daten und ausführlichen Hintergrundartikeln.

Obsidian Lexikon

Obsidian erkennen – natürliches Glas oder Kunstprodukt?

Obsidian

Beim Obsidian steht die Echtheitsfrage Kopf: Hier imitiert nicht Glas den Edelstein – hier imitiert Kunstglas das Naturglas. Die Unterscheidung ist subtiler als bei jedem Kristall, folgt aber klaren Regeln.

Die Hauptfälschung: gefärbtes Kunstglas

Leuchtend blaue, grüne, türkise oder rote transparente „Obsidiane“ dominieren Souvenir- und Onlinemärkte. Natürlicher Obsidian in solchen Farben und dieser Transparenz ist eine extreme Rarität – das Handelsmaterial ist praktisch ausnahmslos industriell gefärbtes Glas, oft unter Fantasienamen wie „Aqua-Obsidian“ oder „Cherry-Quartz“ (der nicht einmal Quarz ist). Nach § 5 UWG ist der Verkauf solchen Materials als „Obsidian“ irreführend.

Verräterisch sind perfekt runde Gasblasen in Schwärmen, völlige Schlierenfreiheit oder umgekehrt dekorativ eingerührte Farbwolken, gleichmäßige „zu schöne“ Farbe – und der Preis: Echte Raritäten kosten keine Souvenirbeträge.

Naturglas vs. Kunstglas: worauf das Labor schaut

Beide sind amorph – Standardwerte wie der Brechungsindex (um 1,5) liegen nah beieinander. Die Unterscheidung stützt sich deshalb auf das Gesamtbild: Natürlicher Obsidian zeigt unter dem Mikroskop feine Fließtexturen, Mikrolithe (winzige Kristallnadeln) und unregelmäßig verteilte, oft ausgelängte Gasbläschen – die Spuren echter Lava. Industrieglas ist dagegen auffällig homogen oder enthält runde Blasen und Schlieren aus dem Schmelzprozess. Ergänzend grenzen Dichtemessung und im Zweifel die chemische Analyse (Spurenelement-Muster) ab.

Aus der Laborpraxis: Bei Obsidian prüfen wir Mikrostruktur (Mikrolithe, Fließgefüge), Blasenbild, Dichte und Bruchverhalten im Zusammenhang – ein einzelner Messwert genügt bei zwei amorphen Gläsern nicht. Diese Prüfung führen wir im eigenen gemmologischen Labor durch, seit 2002.

Weitere Verwechsler

MaterialTypische AnzeichenAbgrenzung
Industrieschlackeporös, unruhige Farben, oft grünlichBlasenreichtum, Dichteabweichung, metallische Einschlüsse
Gefärbtes Kunstglastransparent, leuchtende Farbenrunde Blasenschwärme, Homogenität, Preis
Pechsteinmatter, „pechiger“ Glanzhöherer Wassergehalt, stumpfe Oberfläche
Onyx / schwarzer Achatkristallin, härterHärte um 7, Bänderung, kein Glasbruch
Schwarzer Turmalin (Schörl)Kristallflächen, StrichmusterHärte 7–7,5, kristalline Struktur
Tektite (z. B. Agni Manitit)ebenfalls NaturglasEntstehung durch Impakt, typische Oberflächenskulptur – siehe Agni Manitit

Selbstprüfung: realistische Möglichkeiten

Ohne Labor bleiben belastbare Indizien: Der muschelige Bruch mit scharfen Kanten, die typische Kühle und das Gewicht (Dichte um 2,4 – leichter als Quarz), unter der Lupe Fließschlieren statt runder Blasenschwärme. Bei jedem transparenten Farbstück gilt die Grundregel umgekehrter Beweislast: Kunstglas, bis das Gegenteil belegt ist. Bei Zweifelsfällen – etwa geerbten Sammlungen – schafft die gemmologische Prüfung Klarheit.

Häufige Fragen

Wie erkenne ich gefärbtes Glas, das als Obsidian verkauft wird?
An perfekt runden Gasblasen in Schwärmen, auffälliger Homogenität oder dekorativen Farbwolken, leuchtend transparenter Farbe und Souvenirpreisen. Echter transparenter Farb-Obsidian ist eine extreme Rarität.
Ist Aqua-Obsidian echt?
Unter diesem und ähnlichen Fantasienamen wird praktisch ausnahmslos gefärbtes Kunstglas verkauft – als Obsidian deklariert ist das irreführend.
Wie unterscheidet das Labor Naturglas von Kunstglas?
Über das Gesamtbild: Mikrolithe und Fließtexturen sprechen für natürliche Lava, runde Blasenschwärme und Homogenität für Industrieglas – ergänzt um Dichte und im Zweifel Spurenelement-Analyse.
Woran erkenne ich Obsidian gegenüber Onyx?
Onyx ist kristalliner Chalcedon mit Härte um 7 und zeigt keinen Glasbruch. Obsidian ist weicher (5–5,5), glasig und bricht muschelig mit scharfen Kanten.

Fazit

Die Echtheitsregel beim Obsidian ist unbequem, aber einfach: Je bunter und transparenter, desto sicherer Kunstglas. Echtheit belegen Fließspuren, Mikrostruktur – und im Zweifel das Labor.