Kein Edelstein hat eine dramatischere Geschichte als der Spinell – und kein anderer war so lange so falsch verstanden. Jahrhunderte in den Kronjuwelen der mächtigsten Reiche der Welt, bewundert als größte Rubine der Geschichte, und erst 1783 als eigenes Mineral erkannt. Die Geschichte des Spinells ist die Geschichte des größten Irrtums der Gemmologie.
Die Ära des „Balas-Rubins"
In der mittelalterlichen Edelsteinwelt gab es keine Mineralogie im modernen Sinne. Rot bedeutete Rubin – egal ob das Mineral Korund, Spinell oder Granat war. Der Begriff „Balas-Rubin" bezeichnete roten Spinell aus der Region Badakhshan (heute Tadschikistan/Afghanistan) – benannt nach der Stadt Balascia, dem mittelalterlichen Handelszentrum für diese Steine. Balas-Rubine waren begehrter und teurer als „normale" Rubine, weil sie größer und klarer waren – weil Spinell eben tatsächlich klarer als Rubin kristallisiert.
Der Schwarze Prinz – in der britischen Königskrone
Der berühmteste Spinell der Welt sitzt im Mittelpunkt der Imperial State Crown der britischen Königsfamilie. Der ungeschliffene, 170 Karat schwere rote Spinell – seit 1851 als solcher identifiziert – wurde 1367 von Edward dem Schwarzen Prinzen nach der Niederschlagung des kastilischen Königs Pedro I. erworben. Heinrich V. trug ihn 1415 in Agincourt in seinem Helm; die Kugel, die ihn traf, verfehlte den Stein um Zentimeter. Fünf Jahrhunderte lang galt er als größter Rubin der Welt.
Der Timur Rubin und die Mogul-Kaiser
Der Timur Rubin (352,5 Karat) – ebenfalls ein Spinell, ebenfalls im Besitz der britischen Krone – trägt die Namen von sechs Mogul-Kaisern und anderen Herrschern, die ihn besaßen. Die Inschriften beginnen 1612 und enden 1739. Er ist damit das einzige Edelsteinobjekt der Welt, das so lückenlos dokumentiert von Herrscher zu Herrscher weitergegeben wurde.
Wissenschaftliche Entdeckung: 1783
Der französische Mineraloge Jean Baptiste Louis Romé de l'Isle unterschied 1783 erstmals systematisch zwischen Rubin und Spinell anhand ihrer unterschiedlichen Kristallformen – Rubin bildet sechsseitige Prismen (trigonal), Spinell Oktaeder (kubisch). Mit dieser Entdeckung wurden die Kronjuwelen Europas auf einen Schlag um ihre größten „Rubine" ärmer – und Spinell trat seinen langen Weg aus dem Schatten an.
Renaissance im 21. Jahrhundert
Lange nach seiner mineralogischen Entdeckung blieb Spinell im Schatten von Rubin und Saphir. Erst die Mahenge-Entdeckung 2007 (flamingopinker Spinell in Tansania) und das wachsende Interesse an unbehandelten Edelsteinen rückte Spinell wieder ins Rampenlicht. Heute wird er von Kennern und Sammlern als einer der attraktivsten Farbedelsteine gehandelt – die Preise für Topqualität steigen seit Jahren stetig.
Fazit
Spinell ist der Edelstein mit dem dramatischsten Lebenslauf: falsch etikettiert in den wichtigsten Kronjuwelen der Geschichte, wissenschaftlich entdeckt und dann vergessen, wiederentdeckt und nun endlich gewürdigt. Wer Spinell kauft, kauft mehr als einen Edelstein – er kauft ein Stück der faszinierendsten Irrtumsgeschichte der Wissenschaft.